"A Spirit of Dialogue" – Wenn Kommunikation zur Vertrauensarchitektur wird
In unserer polarisierten Welt braucht es dringend echten Dialog. Das Weltwirtschaftsforum könnte ein Fanal setzen – muss sich aber selbst wandeln.
Nachrichten aus meiner Heimatstadt interessieren mich immer. Jürgen Habermas, der große Soziologe und Philosoph, hat seinen Nachlass vorab komplett an die Frankfurter Universität übergeben, lese ich kürzlich. Erinnerungen aus der Studienzeit werden wach: kommunikatives Handeln, Diskursethik, deliberative Demokratie. Politik als Sache des öffentlichen Aushandelns.
Doch der Ideenkosmos des hochbetagten Wissenschaftlers mutet mittlerweile an wie aus einer anderen Zeit. Unsere Gegenwart ist geprägt von Polarisierung, Abschottung und Eigeninteressen. Die Verfechter einer „regelbasierten Ordnung“, Basis für die lange Zeit der Globalisierungserfolge, haben einen schweren Stand. Wertegeleitete Politik erscheint vielen nur noch als wohlklingende Rhetorik.
Konjunktur hat eher ein anderer Gesellschaftstheoretiker – Niccolò Machiavelli, der Apologet einer skrupellosen Machtpolitik. Staaten, Institutionen und gesellschaftliche Gruppen begegnen einander mit Skepsis und Ablehnung, der Glaube an die Kompetenz und Lösungsfähigkeit des jeweils anderen schwindet.
Die Folge: Irritation, Unsicherheit, Vertrauensschwund. Laut dem aktuellen Edelman Trust Barometer, wie immer im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums veröffentlicht, herrscht inzwischen eine „inselartige Weltsicht, genährt von Ressentiment und Schwarzmalerei“.
Dialogische Kommunikation beleben
Ich bin in Davos wieder dabei, und das diesjährige Motto „A Spirit of Dialogue“ spricht mich als Kommunikator besonders an. Denn ich bin überzeugt: Nur durch Austausch und Kooperation kommt die Welt letzten Endes weiter, allem machtzentrierten Egoismus zum Trotz. Sie ist randvoll mit gemeinsamen Herausforderungen, die in der einen oder anderen Hinsicht alle acht Milliarden Menschen auf der Erde angehen und die kollektives Handeln erfordern – neben den akuten Krisen vor allem die Bedrohungen des Erdsystems.
Um Annäherung zu erreichen und Vertrauen zurückzugewinnen, müssen wir uns auf Vordenker wie Habermas besinnen und eine dialogische Kommunikation forcieren. Durch echten Austausch auf Augenhöhe Brücken bauen, anstatt nur bestehende Positionen vorzubringen.
Zuhören statt senden, verbinden statt spalten. Und gemeinsam zu neuen Erkenntnissen und Lösungen gelangen – ein Vorgehen, das zumindest in der Wirtschaft gut funktioniert. Bei Covestro erleben wir, dass dialogisches, partnerschaftliches Vorgehen Innovationen erst möglich macht, um Probleme zu überwinden und die Gesellschaft weiterzubringen – etwa beim Großprojekt Kreislaufwirtschaft, dem Schlüssel zur Überwindung der globalen Systemkrise aus Klimawandel, Artensterben, Ressourcenschwund und Umweltverschmutzung.
Wenn das WEF es schafft, diese Einsichten stärker zu vermitteln, wäre einiges gewonnen. Wenn der „Spirit of Dialogue“ neu entzündet wird, könnte das der großen Zahl der Lösungsorientierten Auftrieb geben. Und dem Pessimismus Einhalt gebieten. Aber dazu muss der Gipfel – wie die anderen globalen Foren – auch sich selbst wandeln: Den Shift von einer Eliten-Konversation hin zu einem multilateralen Diskurs einleiten.
Vom Eliten-Panel zum multilateralen Diskurs
Denn hier tut sich eine wachsende Kluft auf. Das, was die Entscheidungsträger und Meinungsführer denken und wollen, deckt sich mitunter wenig mit den Ansichten der breiten Öffentlichkeit – Stichwort „Streets versus Elites“-Narrative. Das zeigt sich zum Beispiel an der Einstellung zu Künstlicher Intelligenz, wie die PR-Beratung FGS Global kürzlich herausgefunden hat: Während Manager zumeist Effizienzgewinne erwarten, befürchtet die Bevölkerung vielfach Jobverluste und höhere Energiekosten.
Was es braucht, sind Mittler zwischen verschiedenen Welten. Hier kommen Kommunikationsprofis ins Spiel. Sie werden mehr und mehr zu Vertrauensarchitekten, die gemeinsame Handlungsräume schaffen. In unserer fragmentierten Welt wird dialogische Kommunikation zur strategischen Kernkompetenz. Sie muss gefördert und verbreitet werden. Habermas und ähnliche Denker sind aktueller denn je.