11
Juni
2026
|
12:23
Europe/Amsterdam

Vom Wollen zum Machen

Written by: Stefan Paul Mechnig
Zusammenfassung

Großprojekte wie die Energiewende sind unverzichtbar, um unsere Welt nachhaltiger und resilienter zu machen. Vielversprechende Ideen und Technologien, vor allem für Energieeffizienz, harren jedoch häufig der Umsetzung. Denn zum Handeln braucht es Anstöße wie aktuell die globalen Sustainable Energy Days – aber auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen.

Machen ist wie Wollen, nur krasser – der Pop-Aphorismus gewinnt umso mehr an Gewicht, je mehr Probleme sich aufeinandertürmen. Der gemeinsame Nenner ist klar: Die Welt muss auf ein nachhaltiges und krisenfesteres Fundament gestellt werden. Wobei die grundsätzliche Machbarkeit gar nicht zur Debatte steht. Viele Herausforderungen sind durchaus lösbar: Neue Ideen – große und kleine – werden laufend geboren, wirksame Technologien sind längst vorhanden, und im Prinzip hapert es meist auch nicht am guten Willen, sie umzusetzen.

Doch mit jeder weiteren Herausforderung wächst bei vielen ein Gefühl der Ohnmacht, nimmt das Zweifeln an der eigenen Wirksamkeit und die Selbstwahrnehmung als bloßes Rädchen im Getriebe zu. Man weiß um die Probleme, spürt die Sorgen – und rafft sich dennoch nicht zum Machen auf. Umso wichtiger sind Impulse, die uns aus der Zuschauerrolle holen: gemeinschaftliche Pflanzaktionen, Aufräumtage, offene Werkstätten und Initiativen wie aktuell die von der Europäischen Union weltweit ausgerufenen Sustainable Energy Days.

Hier werden Bürgerinnen und Bürger, Gemeinden, Organisationen und Unternehmen ermutigt, vor Ort die Energiewende voranzubringen – das überragende globale Großprojekt, um den Klimawandel einzudämmen und die zunehmend volatile Versorgung mit Energie zu sichern. Von März bis Juni ging es darum, in Graswurzel-Aktionen – Workshops, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, interaktiven Erlebnissen – saubere Energielösungen nicht nur zu erkunden, sondern vor allem in die Tat umzusetzen.

Vorrang für Energieeffizienz

Im Blickpunkt stehen meist die Erneuerbaren Energien, und hier gibt es durchaus bedeutende Fortschritte – 2025 war der Ausbau weltweit so hoch wie nie zuvor. Dennoch sollten wir uns stets vor Augen führen: Die beste Energie ist die, die wir gar nicht erst verbrauchen. „Energy Efficiency First“ hat die EU denn auch als politischen Grundsatz festgeschrieben. Bis 2030 soll die Gemeinschaft 11,7 Prozent weniger Energie konsumieren als in einem Zukunftsszenario, das 2020 ohne zusätzliche Klimapolitik erwartet wurde.

Ein wesentlicher Ansatzpunkt für mehr Effizienz ist die Industrie, die in der EU für rund ein Viertel des Energieverbrauchs verantwortlich ist. Und gerade in diesem Sektor sind kurzfristig die größten Effizienzgewinne realisierbar. Studien der EU‑Kommission und der IEA zeigen: Wer Abwärme nutzt, kann bis zu 20 Prozent Energie einsparen. Und durch neue Verfahren in der Produktion lässt sich der Energiebedarf einzelner Prozesse sogar um bis zu 60 Prozent verringern.

Das sind aber keine bloßen Rechenmodelle, das ist gelebte Wirklichkeit. Den Schritt vom Wollen zum Machen – die Industrie geht ihn, und zwar vor allem die besonders energieintensive Chemiebranche. Covestro hat jetzt sein bislang größtes Energieeffizienz-Projekt gestartet: Am Standort Dormagen wird ein Kompressor installiert, der anfallenden Wasserdampf heißer macht und den Druck erhöht. Damit lässt er sich optimal in anderen Produktionsabläufen nutzen.

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Allein dank dieser einen Verfahrensinnovation kann das Unternehmen seinen gesamten Energiebedarf in Deutschland künftig um zwei Prozent pro Jahr senken. Insgesamt hat Covestro schon mehr als tausend solcher Projekte aufgelegt, alle auf sein strategisches Ziel ausgerichtet: bis 2030 ein Fünftel weniger Energie pro Tonne produziertes Produkt zu verbrauchen als zum Beginn dieses Jahrzehnts.

Hand in Hand damit setzt das Unternehmen verstärkt auf Erneuerbare Energien, die bereits mehrere Standorte rund um den Globus versorgen. Gepaart mit Einsparungen sollen sie helfen, den laufenden Betrieb bis 2035 klimaneutral zu machen. Dafür sind zunächst bis 2030 Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe geplant.

Rahmenbedingungen erschweren Umsetzung

Aber man muss willigen Unternehmen wie Covestro das Machen auch ermöglichen. Für sie gilt: Effizienz und die Transformation Richtung Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft brauchen einen Business Case, sprich wirtschaftliche Attraktivität.

Derzeit sind viele Rahmenbedingungen vor allem in der EU jedoch so gestaltet, dass die Industrie ihre Transformation kaum vorantreiben kann. Unter anderem steht nicht genug Erneuerbare Energie zu international wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung, und die EU erwägt Schritte, wodurch die CO₂-Kosten der Betriebe noch einmal massiv verschärft würden.

Fazit: Wir brauchen Ansporn durch Aktionen wie die Sustainable Energy Days und Auszeichnungen wie die European Sustainable Energy Awards, die gerade in Brüssel an Unternehmen, Kommunen und Einzelpersonen für herausragende Projekte vergeben wurden. Aber wir brauchen auch den passenden Rahmen, in dem solche Projekte gedeihen können. Dann wird aus Wollen krasses Tun.

 

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