Wirtschaftlich und resilient – der unbekannte Nutzen der Kreislaufwirtschaft
Die Kreislaufwirtschaft hilft nicht nur der Umwelt, sie stärkt auch Wirtschaft und Widerstandsfähigkeit. Dieser Dreiklang macht sie gerade für Europa zum richtigen Projekt. Jetzt liegt es an der EU-Kommission, die Weichen dafür zu stellen.
Geopolitisch verwundbar, gesellschaftlich instabil, zunehmend weniger wettbewerbsfähig – Europa ist mit geballten Herausforderungen konfrontiert wie seit Jahrzehnten nicht. Da könnte eine weitere Hiobsbotschaft fast untergehen: Der Klimawandel hat den Kontinent voll im Griff.
Die Region erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. 2025 herrschten in mindestens 95 Prozent Europas Temperaturen weit oberhalb des üblichen Rahmens, schlägt die Weltmeteorologieorganisation (WMO) Alarm. Und betont zugleich, was nun vordringlich ist: den massiven Ausbau der Kreislaufwirtschaft.
Beratungen in Brüssel
Die Mahnung kommt zur richtigen Zeit. Denn in der EU wird in diesen Tagen eine wichtige Weichenstellung gefällt: Das Kollegium der Kommissarinnen und Kommissare berät, welche Stoßrichtung der Circular Economy Act haben soll – eine für dieses Jahr geplante wegweisende Gesetzesinitiative, die Europas Übergang zur Zirkularität beschleunigen soll.
Dass sie schon aus ökologischen Gründen rasch auf den Weg gebracht werden muss, wird spätestens mit der WMO-Warnung überdeutlich. Aber wir sollten die Kreislaufwirtschaft nicht nur unter Umweltaspekten fördern. Sondern sie viel stärker auch als strategischen Hebel sehen, der die Widerstandsfähigkeit Europas im geopolitischen Kräftespiel stärken kann. Und zugleich als immense Chance, um die EU auch wirtschaftlich nach vorne zu bringen.
Denn die Kreislaufwirtschaft hat ein riesiges ökonomisches Potenzial, das brach liegt – in Europa und weltweit. Wie der kürzlich erschienene Circularity Gap Report hervorhebt, entstehen jedes Jahr rund um den Globus schätzungsweise 25 Billionen Euro an Wertverlust, weil noch immer die Linearwirtschaft vorherrscht – das ist fast ein Drittel des weltweiten Bruttosozialprodukts.
Brachliegendes Potenzial
Auch Deutschland, das EU-Mitglied mit dem höchsten Materialverbrauch, könnte von einer konsequenten und umfassenden Einführung der Kreislaufwirtschaft enorm profitieren: Die Bruttowertschöpfung der Circular Economy ließe sich hierzulande von heute rund 60 Milliarden Euro bis zum Jahr 2045 auf bis zu 125 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Das haben der Bundesverband der Deutschen Industrie und Boston Consulting in einer umfangreichen Studie ermittelt.
Covestro mit seiner Expertise in Materialwissenschaft war an der Untersuchung beteiligt. Denn wir arbeiten unter anderem an innovativen Technologien, um das Recycling von Kunststoffen im großen Maßstab zu ermöglichen. Bei Polyurethan-Schaum für Matratzen zum Beispiel, von denen in Europa jedes Jahr schätzungsweise 40 Millionen Stück ausrangiert werden und im Abfall landen.
Mit chemischem Recycling lässt sich das ändern: Unser Verfahren „Evocycle® CQ mattress“ ermöglicht es, den Schaumstoff in seine beiden zentralen Komponenten zu zerlegen und diese in hoher Qualität zur Herstellung von neuem Polyurethan zu nutzen.
Es ist Teil eines ganzheitlichen Ansatzes, bei dem wir nicht nur auf die Wiederverwertung von Produkten an ihrem Lebensende blicken, sondern auch ganz zu Anfang auf ihre Entstehung – mit einem Design, das die Kreislauffähigkeit mitdenkt, und mit erneuerbaren Rohstoffen wie pflanzliche Biomasse anstelle von Erdöl.
Gerade beim Stichwort Rohstoffe wird klar, dass die Kreislaufwirtschaft neben der Wirtschaftskraft auch die Resilienz erhöht. Wer Materialien länger und effizienter nutzt und im Kreis führt, reduziert Abhängigkeiten von Rohstoffmärkten, Lieferkettenrisiken und Preisschwankungen. So werden auch zentrale Bereiche wie Energie und Verteidigung gestärkt, die Achillesfersen der EU.
Allein in Deutschland könnten durch konsequentes Recycling und Wiederaufbereitung bis 2045 die Importquoten bei Seltenen Erden um 20 Prozent und bei strategischen Batteriematerialien um 10 Prozent gesenkt werden.
Prioritäten für Europa
Auch deshalb sollten wir 2026 zum Jahr der Kreislaufwirtschaft machen und ihr volles Potenzial verwirklichen. Wenn die Kommission nun über das Circular-Economy-Gesetz berät, dann sollte sich von drei Prämissen leiten lassen.
Erstens einen effizienten europäischen Markt für Sekundärrohstoffe mit so wenig Verwaltungsaufwand wie möglich schaffen. Zweitens Anreize setzen, damit alternative Rohstoffe samt recycelter Materialien stärker nachgefragt und genutzt werden – etwa durch steuerliche Vergünstigungen und größere Berücksichtigung bei öffentlichen Aufträgen. Und drittens die Investitionssicherheit verbessern und damit die Grundlage für den Technologieausbau in der Kreislaufwirtschaft legen, indem vor allem das chemische Recycling regulatorisch auf breiter Front anerkannt wird.
Wer die Kreislaufwirtschaft konsequent umsetzt, gewinnt ökologisch, wirtschaftlich und geopolitisch. Der Circular Economy Act bietet die Chance, diesen Dreiklang in die Realität zu überführen und damit die Zukunftsfähigkeit von Europa und Deutschland zu stärken.