Sauberes Wasser: Gemeinsame Aufgabe für Industrie und Politik
Sauberes Wasser – ein lebenswichtiges, aber immer knapperes Gut. Die chemische Industrie hilft mit innovativen Produkten und Verfahren, die Qualität und Verfügbarkeit von Wasser zu erhöhen.
Das Erste, was ich morgens tue, ist einen Schluck Wasser zu trinken – aus dem Hahn. Und zwar unbesorgt, denn ich weiß, woher es kommt: gut geklärt aus Talsperren in meiner Nähe und aus dem Rhein. Der Fluss ist heute deutlich sauberer als noch vor wenigen Jahrzehnten; sogar der Lachs ist zurückgekehrt.
Trinkbares Wasser in guter Qualität und jederzeit verfügbar zu haben, ist ein Luxus, den wir uns in einem Land wie Deutschland bewusst machen müssen. Denn in vielen Regionen der Welt sieht es anders aus: Jeder vierte Mensch hat keinen Zugang zu sicher verwaltetem Trinkwasser.
Gleichzeitig wird Wasser weltweit rarer. 3,6 Milliarden Menschen – fast die Hälfte der Weltbevölkerung – erleben jedes Jahr mindestens einen Monat Wasserknappheit. Ein Problem, das zunehmend auch den globalen Norden betrifft.
Die Europäische Union hat beide Aspekte – Qualität und Verfügbarkeit – seit Langem im Blick. Bereits seit dem Jahr 2000 gibt es die Wasserrahmenrichtlinie, die festhält: „Wasser ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, das geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss."
Ich bin froh, dass dieses wichtige Menschheitsthema so klar adressiert worden ist. Dennoch ist klar: Die Ziele lassen sich nicht über Nacht erreichen. Die jüngste Revision der EU-Richtline, die am 10. Mai in Kraft tritt, peilt einen „guten Zustand“ für die Gewässer in der Union für das Jahr 2039 an.
Ermutigend finde ich vor allem, dass der politische Wille ungebrochen ist. Denn die EU-Kommission widmet sich inzwischen auch der Wasser-Resilienz – also dem Schutz des Wasserkreislaufs, dem Zugang zu sauberem und bezahlbarem Wasser und dem Aufbau einer „wasserklugen“ Wirtschaft.
Die Strategie reicht bis 2050, doch die Maßnahmen zu ihrer Umsetzung müssen jetzt starten. Denn neben hoher Qualität ist die ausreichende Verfügbarkeit von Wasser entscheidend für Leben, Wirtschaft und künftigen Wohlstand – auch in Europa.
Chemieindustrie: Teil des Problems und Teil der Lösung
Die chemische Industrie, in der ich arbeite, spielt dabei eine zentrale Rolle: als Teil des Problems und Teil der Lösung. Problematisch ist, dass ihre Produkte trotz kontinuierlicher Verbesserungen noch in Gewässer wie den Rhein gelangen – als Spurenstoffe aus Haushalten, achtlos weggeworfener Abfall, und, selbst mit moderner Klärtechnik, teils auch aus verschiedenen Industrieprozessen.
Viele meiner Kolleginnen und Kollegen arbeiten intensiv daran, diese Einträge zu reduzieren: durch bessere Prozesse, sauberere Produktionsschritte und neue Behandlungstechnologien. Die Branche setzt zunehmend auf Aktivkohlefilter, Ionentauscher und Membran‑Bioreaktoren, die Schadstoffe aus Abwasser entfernen, bevor es in Flüsse, Seen oder das Grundwasser gelangt.
Und auch mit ihren Produkten unterstützt die Chemieindustrie die Wasserreinhaltung. Sie stellt zum Beispiel Materialien für Nanofilter bereit, die selbst kleinste Schadstoffe und Mikroverunreinigungen zurückhalten. Auch Basischemikalien wie Salzsäure spielen eine wichtige Rolle in der Trinkwasseraufbereitung. So trägt der Chemiesektor wichtige Bausteine zu moderner Wasseraufbereitung bei.
Gleichzeitig wirkt die Branche der Wasserknappheit entgegen, indem sie Abwasser aus Produktionsprozessen im Kreislauf führt. Covestro zum Beispiel gewinnt durch eine vom Unternehmen mitentwickelte innovative Technologie Wasser und Salz zurück, die dann zur Herstellung der wichtigen Grundchemikalie Chlor verwendet werden können. Auch Haushalts- und sonstige Abwässer können in der Produktion wieder eingesetzt werden und so weiter zu Einsparungen beitragen.
Um unsere Gewässer wirksam zu schützen, brauchen Industrie, Behörden und Politik vor allem eines: ein gemeinsames Verständnis darüber, welche Stoffe wo auftreten und welche Auswirkungen sie haben. Die neue EU‑Liste der Umweltqualitätsnormen mit über 70 regulierten Substanzen zeigt, wie komplex diese Aufgabe ist.
Verlässliche Daten, einheitliche Messmethoden und ein klares Bild der Zusammenhänge sind unerlässlich für wirksame Maßnahmen. Wenn alle Beteiligten ihre relevanten Informationen teilen – von Monitoringdaten über Emissionsinventare bis hin zu Umwelttrends –, können Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen bringen.
Kluge Regulierung im Dialog ermöglichen
Gute Regulierung bedeutet deshalb, nicht „mehr“, sondern „klüger“ zu regulieren – und zwar im Dialog. Umwelt-, Chemikalien‑, Abfall- und Klimavorgaben müssen zusammengedacht werden, damit Maßnahmen sich sinnvoll ergänzen und nicht widersprechen. Und damit Investitionen planbar und tragbar bleiben.
Ein wichtiger Schritt dafür sind die „Strukturierten Wasserdialoge“, die die EU ab diesem Jahr führen will. Sie sollen gemeinsame Standards schaffen und Entscheidungen auf eine solide, geteilte Wissensbasis stellen. Die Industrie ist dabei nicht Zuschauer, sondern Mitgestalter – mit Daten, technischem Know‑how und der Bereitschaft zu investieren, wenn der Umweltnutzen klar ist.
Sauberes Wasser aus dem Hahn ist kein Wunder. Es ist das Ergebnis gemeinsamer Arbeit. Und so ist auch der Weg zur Wasser-Resilienz: Er entsteht durch echte Partnerschaften – zwischen Politik, die ambitionierte, aber realistische Ziele setzt, Behörden, die sie verhältnismäßig anwenden, und einer Industrie, die in sauberere Prozesse und bessere Technologien investiert. Denn auch ihre eigene Zukunft hängt von der Gesundheit der Wassersysteme ab, in denen sie tätig ist.