Energieeffizienz – das Stiefkind beim Klimaschutz
Zum UN-Klimagipfel wird deutlich: Die Welt muss dringend mehr Energie sparen. Die Chemieindustrie kann mit Produkten und Technologien helfen, die Effizienzrate zu erhöhen.
Jaguar, Tanga, Piranha – so manche Wörter, die wir kennen, stammen aus den Tupí-Guaraní-Sprachen in Südamerika. Jetzt ist ein weiterer davon abgeleiteter Begriff in meinen Sprachschatz gewandert: „Mutirão“, was so viel wie kollektive Anstrengung bedeutet. Die UN-Klimakonferenz im brasilianischen Belém hat ihn zu ihrem Motto erkoren. Ob sich die über 50.000 Delegierten aus 194 Ländern jedoch zu einer solchen Gemeinschaftsaktion aufraffen können, erscheint mir überaus fraglich angesichts der zunehmend konfrontativen Weltordnung und insbesondere der Abwesenheit der USA.
Dabei wird ein gemeinsames Handeln immer dringender, wie die jüngsten Fakten zeigen. 2024 hat nicht nur einen neuen Rekord an energiebedingten CO2-Emissionen gebracht, sondern war auch das bisher wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Welt steuert bis 2100 momentan im günstigsten Fall auf eine Temperaturerhöhung um 2,3 Grad zu, wie das UN-Umweltprogramm kurz vor Beginn der COP30 bekanntgab.
Das sind zwar erheblich bessere Aussichten als der Anstieg um 3,7 bis 4,8 Grad, der vor zehn Jahren befürchtet wurden, als das Pariser Klimaabkommen verabschiedet wurde. Eine Begrenzung auf 1,5 Grad – wie damals voller Euphorie angestrebt – rückt jedoch in immer weitere Ferne und ist nach der aktuellen Einschätzung der Internationalen Energieagentur allenfalls mit äußerster Kraftanstrengung noch erreichbar.
Wichtigen Hebel für Klimaneutralität nutzen
Was auch daran liegt, dass die technologischen Möglichkeiten zur Eindämmung der Treibhausemissionen nach wie vor nicht voll ausgeschöpft werden. Das gilt vor allem für einen Bereich, der mir besonders am Herzen liegt: die Energieeffizienz. Neben dem populären Thema erneuerbare Energien führt sie leider noch immer ein Schattendasein. Dabei sind Effizienzverbesserungen einer der wichtigsten Hebel, um Klimaneutralität im Energiebereich zu erreichen, der wiederum die größte Quelle für Treibhausgase ist. Ganz wichtig also: Wir müssen Energie nicht nur grüner machen, wir müssen auch mehr Energie einsparen – darauf möchte ich anlässlich der COP30 den Blick lenken.
Denn die Welt kommt bei der Energieeffizienz kaum von der Stelle. Das vor zwei Jahren auf der Klimakonferenz in Dubai gesteckte Ziel, die jährliche Effizienzrate bis 2030 auf vier Prozent zu verdoppeln, liegt in weiter Ferne. 2023 und 2024 betrug sie gerade mal ein Prozent, so die ebenfalls kürzlich veröffentlichte Bilanz der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (IRENA). Das bedeutet: Wir müssen noch größere Anstrengungen unternehmen und die Rate auf mindestens fünf Prozent erhöhen, um das wichtige Ziel noch erreichen zu können.
Elektromobilität und Gebäudedämmung vorantreiben
Im Grunde wäre das auch machbar. Die Fachleute wissen seit langem, was wie und wo zu tun ist. Etwa im Bauwesen und im Verkehr, die neben dem Energiesektor stark zu CO2-Ausstoß und Erderwärmung beitragen. Hier sind vor allem der Umstieg auf Elektromobilität und die energetische Optimierung von Gebäuden wirkungsvoll. Die gute Nachricht: Die entsprechenden Konzepte und Technologien sind längst da.
An dieser Stelle kommt die Chemieindustrie ins Spiel. Sie hilft zum Beispiel bei der Verbreitung von klimaverträglichen Elektroautos – indem sie leichte Kunststoffe bereitstellt, die das Gewicht der schweren Batterien senken und so die Reichweite erhöhen. Und die Chemie trägt dazu bei, Gebäude energieeffizienter zu machen – durch gute Dämmung, um Strom für Heizungen und Kühlanlagen zu sparen. Besonders effektiv ist dabei Polyurethan-Schaumstoff, der im Vergleich zu anderen konventionellen Dämmstoffen die beste Isolierwirkung hat.
Aber natürlich muss auch die Chemieindustrie selbst, die zu den großen Energieverbrauchern zählt, ihre Effizienz verbessern. In Deutschland etwa konnte von 1990 bis 2022 der spezifische Energieeinsatz der Branche halbiert werden, vor allem durch die Umstellung auf Kraft-Wärme-Kopplung. Allerdings wird es immer schwieriger, noch Potenziale zu heben.
Covestro will Energieeffizienz um 20 Prozent steigern
Deshalb entwickeln Unternehmen wie Covestro intensiv neue Verfahren. In diesem Jahr haben wir zum Beispiel eine Produktionsanlage am Standort Dormagen modernisiert und verbrauchen dort nun durch Nutzung von Abwärme bis zu 80 Prozent weniger Energie als mit herkömmlichen Verfahren. Insgesamt will unser Unternehmen bis 2030 die Energieeffizienz, also den Gesamtenergieeinsatz bezogen auf die Produktionsmenge in Tonnen, im Vergleich zu 2020 um 20 Prozent erhöhen.
Was ich mit diesen Beispielen unterstreichen möchte: Technologisch ist sehr viel machbar auf dem Weg in eine nachhaltigere Welt. Und die Industrie kann wichtige Impulse geben. Auf der anderen Seite sind Technik und Wissenschaft natürlich nicht alles. Wenn der politische Wille fehlt, wenn sich die zersplitterte Welt nicht zusammenrauft, dann kommt auch der Klimaschutz nicht voran. Aber es ist sicher gut zu wissen, dass mutirão, die kollektive Anstrengung, ein Hightech-Fundament hat.