Die Europa-Idee wirkt – durch gemeinsame Innovationen
Zusammenarbeit, Vielfalt, regelbasiertes Handeln – die Europa-Idee hat nicht ausgedient. Doch die EU muss der Welt beweisen, welchen konkreten Nutzen ihr Modell stiftet. Das bedeutet: Kräfte bündeln für gemeinsame Innovationen, mit der Kraft der Chemie.
Als studierte Juristin habe ich viel im Umfeld der europäischen Institutionen zu tun. Ein Grund, warum ich Ende der 1990er Jahre gerade dieses Fach gewählt habe, ist die europäische Idee – ein Kontinent vereint in Frieden, basierend auf der Herrschaft des Rechts und getragen von starker Zusammenarbeit.
Zum Europatag am 9. Mai stellt sich die Frage: Wie viel ist diese Idee noch wert, wie sehr ist sie noch durchsetzbar in der sich so rasch verändernden Welt? Viel hat sich seit meiner Studienzeit getan. Die Erweiterung der Europäischen Union brachte mehr Vielfalt, die Vertiefung aber auch mehr Komplexität. Und aktuell erleben wir den Wechsel von einem multilateralen zu einem multipolaren Umfeld, in dem internationale und supranationale Institutionen und Maximen an Bedeutung und Einfluss zu verlieren scheinen.
Aber ich bin nach wie vor überzeugt: Zusammenarbeit und regelbasiertes Denken und Handeln sind und bleiben letztlich der Schlüssel zum Erfolg, um Herausforderungen zu meistern und die Menschheit weiterzubringen, in Europa und überall sonst auf der Welt.
Bleibt die Frage der Durchsetzbarkeit. In meinem Beruf als „Lobbyist“ in der chemischen Industrie diskutiere ich oft die Frage: Was können wir kontrollieren, was können wir beeinflussen – und was müssen wir loslassen? Übertragen auf die EU und den europäischen Gedanken heißt das: Man muss seinen Einflussbereich bestimmen und Entscheidungen über die Allokation seiner Ressourcen treffen. Kurz, die EU sollte sich noch mehr auf ihre Stärken fokussieren.
Auf die Stärken fokussieren
Und das heißt für mich besonders, die Innovationskraft zu stärken. Die EU und ihre 27 Mitgliedstaaten sind voller Ideen – mit Branchen und Unternehmen, die über Jahrzehnte oder Jahrhunderte an Erfahrung verfügen, mit Start-ups, getragen von Talenten aus renommierten Universitäten und praktischer Expertise.
Europäische Länder trugen 2024 immer noch zu über 40 Prozent der weltweiten Patentanmeldungen bei, mit einem klaren Schwerpunkt in industriellen Sektoren, darunter Transport, Medizintechnik, Biotechnologie und grüne Technologien. Das zeigt eindeutig die Handlungsfähigkeit. Besonders die Chemie hat ein hohes Innovationspotenzial.
In meinem direkten Arbeitsumfeld sehe ich den Fortschritt insbesondere in den Beiträgen zur Schaffung einer nachhaltigen Welt – ein Topthema gerade auch für Europa selbst, wo sich der Klimawandel jetzt mit voller Wucht zeigt. Unternehmen wie Covestro demonstrieren, wie eine klimaneutrale und kreislauffähige Zukunft funktionieren kann: Indem Produkte von Anfang an auf Zirkularität konzipiert, mit nicht-fossilen Rohstoffen hergestellt und am Ende mit innovativen Technologien wie dem chemischen Recycling wiederverwertet werden können.
Europa hat die Fähigkeit, Veränderungen zu bewirken, neue Lösungen für den Kontinent und die Welt hervorzubringen. Und genau darauf kommt es an: Der Welt zeigen, dass die EU etwas nützt, dass der europäische Gedanke der Vielfalt und Zusammenarbeit das Gegenteil eines Auslaufmodells ist.
Dazu braucht es aber auch eine Vertiefung der Kooperation. Auch politischer Ebene bedeutet das die institutionelle Ausweitung der EU-Zuständigkeiten etwa bei der gemeinsamen Industriepolitik, der Energie- und Rohstoffsicherheit, der Kapitalmarktunion sowie einer echten europäischen Digital- und Innovationsstrategie.
Zusammenarbeit ausbauen
Und Branchen und Unternehmen brauchen mehr länderübergreifende Netzwerke und Innovationsprojekte, teilweise von der EU gefördert, die Unternehmen und Universitäten für einen gemeinsamen Zweck zusammenbringen. In der Chemie sehen wir das etwa bei europäischen Konsortien zur Entwicklung neuer Batteriematerialien, bei gemeinsamen Pilotanlagen für Wasserstofftechnologien oder bei der Skalierung innovativer Verfahren für klimaneutrale Grundchemikalien.
Aber auch über einzelne Forschungsprojekte hinaus könnten Unternehmen breiter kooperieren – um zu investieren, Reserven aufzubauen und Produktion, Transport und Liefernetzwerke gemeinsam zu managen.
Die Europäische Union kann helfen, den Rahmen dafür zu schaffen. Ein Beispiel: Für die Chemie- und Kunststoffindustrie gibt es derzeit zu wenig Sicherheit und Anreize, in zirkuläre Lösungen zu investieren. Die Vorschläge, wie man das ändern kann, liegen auf dem Tisch. Mit dem Circular Economy Act kann die Europäische Kommission noch in diesem Jahr den entscheidenden Impuls geben – sofern sie den Anwendungsbereich nicht auf kritische (anorganische) Rohstoffe beschränkt.
Projekt Europa hochhalten
Doch so wichtig die passenden politischen Rahmenbedingungen auch sind – entscheidend ist, dass alle Akteure sich des Wertes der europäischen Idee bewusst sind und aktiv dazu beitragen, den Glauben an und das Vertrauen in das Projekt Europa hochzuhalten. Alle Mitgliedstaaten sind der Europäischen Union beigetreten im Versprechen von Frieden und Wohlstand, durch den gemeinsamen Markt, basierend auf sozialen Rechten und Umweltschutz.
Um diese Versprechen zu erfüllen, braucht es den optimistischen Willen, etwas zu bewirken, Dinge zum Funktionieren zu bringen. Es geht um die Fähigkeit zu handeln und das Bewusstsein dafür.
Europa ist kein Selbstläufer. Es ist eine Entscheidung – jeden Tag aufs Neue. Eine Entscheidung für Zusammenarbeit statt Abschottung, für Fortschritt statt Stillstand, für Mut statt Müdigkeit. Wenn wir diese Entscheidung treffen, dann bleibt die europäische Idee nicht nur lebendig. Sie wird zur treibenden Kraft unserer Zukunft.