14
Oktober
2025
|
13:38
Europe/Amsterdam

Der „Material Effect“

Zusammenfassung

Europas Kunststoffbranche blickt in den Abgrund, vor allem wegen negativer Rahmenbedingungen. Aber im Kern ist sie vital und hochinnovativ. Das macht sie auf der K2025 deutlich, ihrer weltgrößten Leistungsschau.

Das emissionsfreie Flugzeug aus Leichtkunststoff, das zukünftig nur mit Wasserstoff im Tank als Experiment die Erde umrunden soll. Der Autoscheinwerfer, der bereits jetzt aus alten Reifen hergestellt wird. Oder auch einfach die Zahnbürste aus nur einer Plastikart, die sich deswegen besonders leicht recyceln lässt: Drei innovative Produkte und Konzepte unter vielen anderen, denen ich dieser Tage auf der K2025 begegne, der weltgrößten Leistungsschau der Kunststoffindustrie.

Hochwertige Kunststoffe: Sie sind das Material für das 21. Jahrhundert, wie mir beim Streifen durch die Messehallen in Düsseldorf einmal mehr deutlich wird. Und vielen anderen Besuchern sicherlich auch. Über 3000 Aussteller aus 66 Ländern, darunter Covestro, machen hier greifbar, wie der Werkstoff unser Leben auf Schritt und Tritt verbessert, es nachhaltiger und smarter macht, bequemer und sicherer. Und wie er immer wieder hilft, Neues hervorzubringen. Kein Wunder, dass die weltweite Kunststoffproduktion weiter zunimmt: 2024 fuhr sie ein Plus von vier Prozent ein, mehr als das weltweite Bruttosozialprodukt.

Technologien konsequenter umsetzen

Das bestärkt mich in meinem Optimismus, der auch in angespannten Zeiten wie diesen überwiegt: An guten Ideen und technologischen Lösungen herrscht eigentlich kein Mangel – sie müssen bloß konsequenter verwirklicht werden.

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Viel Zuversicht also auf der „K“. Aber nicht nur. Als CEO eines in Deutschland verwurzelten Weltkonzerns treiben mich wie viele andere Unternehmenslenker zugleich auch tiefe Sorgen um. Denn ausgerechnet in Deutschland als Standort der seit über 70 Jahren bestehenden Leitmesse wie auch in ganz Europa ist die Kunststoffindustrie schwer unter Druck. Mehr noch – der Sektor, der in 50.000 Unternehmen 1,5 Millionen Menschen beschäftigt, steht inzwischen regelrecht am Abgrund.

Wirtschaftliche Lage alarmierend

Zweistelliges Umsatzminus, weiter schrumpfende Marktanteile: Der Lagebericht, den der Branchenverband Plastics Europe vor ein paar Tagen vorgelegt hat, ist alarmierend. Inzwischen stammen nur noch zwölf Prozent aller Kunststoffe aus Europa – vor knapp 20 Jahren waren es noch 22 Prozent. Gleichzeitig ist vor allem China aufgestiegen, das fast dreimal so viel Plastik produziert wie die gesamte EU. 
Was wiederum zeigt: Es sind vor allem die Rahmenbedingungen, die den Sektor in Europa und namentlich in Deutschland ausbremsen – insbesondere höhere Energiekosten, strengere regulatorische Anforderungen und größerer bürokratischer Aufwand.

Die gute Nachricht: Die Bundesregierung hat das erkannt und will eine „Chemieagenda 2045“ aufstellen. Ich hoffe, die Jahreszahl markiert nicht erst das Startdatum. Denn der Zeitpunkt zum Handeln ist jetzt – je früher, desto besser. Welche Strukturreformen konkret angegangen werden müssen, hat „meine“ Branche unmissverständlich formuliert. Und auch gegenüber der Kommission in Brüssel hegen wir sehr klare Erwartungen, die keinen Aufschub dulden.

Besonderes Erfolgsrezept

Denn klar ist: Die EU und Deutschland als größtes Mitgliedsland brauchen eine starke Kunststoffindustrie. Und im Kern ist sie das ja auch – vital und hochinnovativ. Sie bringt beständig passgenaue Lösungen für zahllose andere Sektoren und die Herausforderungen des modernen Lebens hervor. Das Erfolgsrezept, das besonders bei Covestro ausgeprägt ist: eine einzigartige Kombination aus Materialwissenschaft, Prozesstechnik und Anwendungsentwicklung.

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Wir nennen das „The Material Effect“. Das bedeutet: Genau zu wissen, wie man im Baukasten der Chemie kleinste Dinge verändert, um Kunststoffe mit bestimmten Eigenschaften zu designen. Das heißt, sie so effizient und umweltverträglich wie möglich herzustellen, mit Verfahren, die immer ausgefeilter werden. Und das erfordert, sich in vielen Branchen richtig gut auszukennen – um die Bedürfnisse von heute zu decken und die Trends von morgen zu sehen. Bei allen drei Facetten helfen uns Künstliche Intelligenz und Quantencomputing.

Auf der K2025 zeigen wir den Material Effect in Aktion. Wie er in Elektronik, Gesundheit, Sport und Freizeit durchschlägt. Oder bei der Mobilität, wo Covestro-Materialien jetzt im Prototyp eines Busses für den öffentlichen Nahverkehr verwendet werden. Der Clou: Das Shuttle ist nicht nur elektrisch, sondern auch fahrerlos unterwegs – unter anderem dank des Hochleistungskunststoffs Polycarbonat, der Assistenzsysteme und Sensoren integriert.

Zirkuläres Kunststoffsystem aufbauen

Dass sich dieses Material hervorragend recyclen lässt, ist ein weiteres Plus – und bringt mich noch zu einem anderen Punkt: Europas Kunststoffindustrie muss dringend ihre ambitionierten Nachhaltigkeitsziele verwirklichen können. Wir haben die Chance, auf dem Kontinent das weltweit erste zirkuläre Kunststoffsystem aufzubauen. Das wäre ein großartiges Signal und könnte starke Wachstumsimpulse geben.

Aber auch dazu bedarf es rasch besserer politischer Rahmenbedingungen – etwa die entschlossene Förderung von chemischem Recycling, das derzeit in der EU auf der Stelle tritt. Und insgesamt ist es im Moment leider so, dass die Gemeinschaft ihre frühere Spitzenposition bei zirkulären Kunststoffen an Asien verloren hat. Auch hier liegt wiederum China weit vorn, wo 2024 fast die doppelte Menge davon hergestellt wurde wie Europa.

In drei Jahren findet die nächste „K“ statt. Ich hoffe sehr, dass bis dahin die nötigen Reformen gegriffen haben werden und die Branche in Europa wieder mit besseren Zahlen aufwarten kann. Aber in einem bin ich mir sicher: Dass ich auch 2028 wieder Innovationen aus der Welt der Kunststoffe bestaunen kann.

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