Alte Muster im neuen Jahr vermeiden
Mit dem neuen Jahr nehmen die politischen Bemühungen Fahrt auf, die Chemie wieder nach vorn zu bringen. Aber sie dürfen nicht in neues Mikromanagement münden. Sondern müssen der Branche erlauben, ihre Stärken auszuspielen – Innovationen für die Megatrends Nachhaltigkeit und Resilienz.
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, heißt es. Für die deutsche und europäische Wirtschaft lautet die bittere Erkenntnis: 2026 wird erneut ein kritisches Jahr. Die Unsicherheiten vor allem auf der globalen Bühne nehmen weiter zu, während die alten Probleme fortbestehen. Insbesondere die Chemieindustrie hat nach wie vor schwer zu kämpfen.
Was mir trotzdem Hoffnung gibt, sind zwei Dinge. Erstens ein zunehmend erkennbares politisches Momentum in Berlin und Brüssel. Und zweitens die nur verdeckte traditionelle Stärke der hiesigen Branche: ihre Innovationskraft, die sie noch intensiver auf die großen Trends Nachhaltigkeit und Resilienz richten muss. Denn die Chemie hält nicht nur praktisch die gesamte Wirtschaft am Laufen. Sondern sie kann auch dafür sorgen, dass Deutschland und Europa im geopolitischen Kräftemessen autark bleiben und nicht zuletzt die grüne Transformation fortsetzen können.
Bundesregierung wie auch EU-Kommission sind sich über die Bedeutung wie auch die schwierige Lage unserer Industrie im Klaren. Und sie bringen Bewegung ins Spiel. Nachdem in Berlin noch im alten Jahr eine „Chemieagenda“ gestartet wurde, die im vertieften Dialog zwischen Industrie und Politik bereits im Frühjahr zu Beschlüssen führen soll, kommt jetzt auch die EU in Gang: In Geleen in den Niederlanden konstituiert sich die „Critical Chemicals Alliance“ – ebenfalls ein runder Tisch zur Stärkung der Branche; am Start immerhin nur ein halbes Jahr nach der Ankündigung in Brüssel.
Druck von allen Seiten
Diese Initiative kann, wie auch die diversen anderen Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen, nicht früh genug kommen. Aus ihrer Agenda geht hervor, wie sehr die Chemie von allen Seiten unter Druck steht: durch schwache Nachfrage, wachsende internationale Konkurrenz, die teils mit Dumping-Preisen agiert, zu teure Energie, Rohstoffe, Arbeit und nicht zuletzt ein wenig wettbewerbsfähiges CO2-Preisregime. Immer mehr Werke müssen schließen – unheilvoll nicht nur für die Wettbewerbsfähigkeit und Wertschöpfung, sondern auch die Resilienz Europas.
In der Alliance werden zudem Sachverhalte adressiert, die weniger bekannt sind: Die europäischen Chemieanlagen sind im internationalen Vergleich uralt. Der Durchschnitt liegt bei 47 Jahren, gegenüber unter 30 in den USA, weniger als 20 in Nahost und gerade einmal rund zehn Jahren in China.
Lauter strukturelle Defizite, die jetzt mit Hochdruck angegangen werden müssen. Und wie die Bundesregierung will auch die Kommission zügig zu ersten Ergebnissen kommen, vielfach noch im ersten Halbjahr. Ganz wichtig dabei: eine enge Verzahnung des Dialogs auf EU-Ebene mit den Anstrengungen in den Mitgliedstaaten. Hier muss sich vieles deutlich stärker als bisher gegenseitig ergänzen und aufeinander einzahlen. Und die EU-Länder sind gefordert, die Empfehlungen dann auch schnellstmöglich umzusetzen und eigene Mechanismen anzupassen, soweit das nötig ist.
Aber, bei allem Optimismus – es befallen mich auch alte Ängste. Dass Brüssel den Erkenntnisprozess angesichts neu zu erarbeitender Analysetools vielleicht etwas zu weit treibt. Und sich noch tiefer in einen kleinteiligen Planungsmodus begibt. Wenn nun etwa ausgesondert werden soll, welche einzelnen Rohstoffe, welche einzelnen Standorte als erfolgskritisch gelten, könnte das den Regelungs- und Dokumentations-Dschungel, der doch gerade endlich gelichtet wird, wieder sprießen lassen. Und es könnte letztlich unsere Branche entzweien.
Mehr Manövrierfähigkeit
Was die Chemieindustrie bei allen berechtigten Detailfragen auch und vordringlich braucht, ist Manövrierfähigkeit. Nur mit weniger Ballast können wir durchstarten und unsere volle Innovationskraft entfalten. Innovation ist das schärfste Schwert, das Europa im globalen Wettbewerb hat. Die Bundesregierung will Deutschland folgerichtig zum weltweit innovativsten Standort für Chemie, Pharma und Biotechnologie machen.
Und unsere Branche leistet hier kräftig Vorschub. So stiegen die Investitionen in die Forschung im vergangenen Jahr trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage auf die Rekordsumme von 16,5 Milliarden Euro. Jetzt kommt es darauf an, die Mittel klug zu kanalisieren.
Für Innovationen in die Nachhaltigkeit, die immer mehr auch zu einer schieren ökonomischen Notwendigkeit wird. Noch haben Deutschland und Europa die Chance, hier eine glaubhafte und wirtschaftlich tragfähige Führungsrolle zu entwickeln. Sicherheit und Autarkie bilden das zweite große Zukunftsfeld, das innovative Lösungen aus der Chemie benötigt. Und auch hier hat unsere Branche einiges zu bieten. Ebenfalls grundiert vom verstärkten Einsatz digitaler Tools wie KI und Quantencomputing, die Forschung und Entwicklung in ganz neue Dimension katapultieren können.
Deutschland und Europa haben als Wissensstandort gerade jetzt größte Chancen. Dazu braucht es Freiheit und Offenheit – also das Gegenteil von planwirtschaftlicher Gängelei. Hierzulande tritt vor allem die Bundeswirtschaftsministerin für eine konsequentere Ordnungspolitik ein. Ich hoffe, diese Haltung setzt sich auch in Brüssel durch. Und wenn sich zugleich unsere Branche selbst neu justiert, kann es vielleicht schon in naher Zukunft heißen: Gefahr gebannt.