27
Juni
2024
|
10:00
Europe/Amsterdam

Zurück zum fruchtbaren Streiten

Zusammenfassung

Schwarz-Weiß-Denken und Abschottung statt konstruktivem Austausch – die Dialogkultur droht uns abhanden zu kommen. Das kann auch fatale Folgen für Wirtschaft und Wohlstand haben. Ein Plädoyer für faires Debattieren.  

Vom Buchdruck bis zum Völkerrecht, vom Mikroskop bis zu Kernspaltung und Quantencomputing – die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Ideen und Errungenschaften, im Guten wie Schlechten. Unsere Lösungskompetenz liegt seit der „kognitiven Revolution“ vor 70.000 Jahren in zwei wesentlichen Fähigkeiten: Miteinander sprechen und zusammenarbeiten. Jetzt drohen sie uns abhanden zu kommen. 

Denn die gesellschaftspolitische Entwicklung geht zunehmend in die falsche Richtung. Die Kultur des Dialogs wird ausgehöhlt. Streit verkommt zu Zwietracht, der Kontrahent wird zum Feind. Anstatt gemeinsam um Lösungen zu ringen, driftet der öffentliche Diskurs ab in Polemik, Dogmatismus und Abschottung. Der Umgangston wird verletzend, Schwarz-Weiß-Denken erstickt differenzierte Betrachtungen und katapultiert zu oft die von der vermeintlichen Mehrheit abweichende Meinung in ein Extrem des politischen Spektrums.

Das sind besorgniserregende Tendenzen, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Fanatismus und Nullsummendenken wirken abschreckend auf Investoren und Fachkräfte aus dem Ausland. Und Erfindergeist, die Triebfeder für Wertschöpfung und Wohlstand, kann sich nur da regen, wo Vielfalt und Austausch herrschen, wo ehrlich und fair, offen und sachlich diskutiert wird.

Eine Ingenieurin muss äußern können, dass der Verbrennungsmotor vielleicht doch noch eine Zukunft hat, ohne gleich als Klimaleugnerin zu gelten. Der Volkswirt, der sich Gedanken über eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit macht, ist nicht automatisch ein herzloser Neoliberaler. Und wer für eine Stärkung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit eintritt, darf nicht Gefahr laufen, als Ethnozentrist abgestempelt und vereinnahmt zu werden.

Diskutieren – nicht stigmatisieren

Wir müssen diskutieren, ohne zu stigmatisieren – daran sei anlässlich des Internationalen Tages des Parlamentarismus erinnert, der jedes Jahr am 30. Juni begangen wird. Nicht von ungefähr kommt der Begriff Parlament vom französischen „parler“: Das Reden und Argumentieren ist ein konstitutives Element auf dem Weg der gemeinsamen Willensbildung. Seit den Zeiten der antiken Agora ist das Aushandeln von Konflikten, das Austarieren von Interessen und das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen eine gute Idee – und das nicht nur auf politischer Ebene im engeren Sinne.

Nun will ich aber nicht selbst in Schubladendenken und Defätismus verfallen. Natürlich ist Politik mühselig und verläuft oft im Schneckentempo – ein „starkes langsames Bohren von harten Brettern“, wie es der Soziologe Max Weber in einem berühmten Vortrag einmal formuliert hat.  Aber vieles geht im Maschinenraum des parlamentarischen Systems auch durchaus geräuschlos, konstruktiv und effizient vonstatten; unzählige Expertinnen und Experten sind voller Engagement im Einsatz. Das gilt auch für den Austausch im vorparlamentarischen Raum, wo sich unter anderem die Wirtschaft mit ihrer Sachkenntnis einbringt.

Download

Nur im konstruktiven Miteinander kommt die Gesellschaft weiter; wer trotzig in seiner ideologischen Wagenburg verharrt, torpediert nicht zuletzt Innovation und Fortschritt. Um die vielen Herausforderungen zu bewältigen, muss der gesellschaftliche Umgang daher neu justiert werden.

Erstens: Wir brauchen wieder eine veritable Kultur des Streitens. Indem wir andere Argumente – auch vermeintlich abwegige – anhören, abwägen und nicht vorschnell verwerfen. Indem wir Kontrahenten nicht diffamieren – und indem wir uns primär auf Konsens und Lösung hin orientieren.

Zweitens: Wir brauchen mehr faktenorientiertes Denken und Handeln. Angesichts der wachsenden Gefahr von Desinformation und simplifizierendem Populismus gilt es, die Bedeutung und den Nutzen von sachbezogener Auseinandersetzung stärker zu vermitteln.    

Drittens: Wir brauchen einen wirklich inklusiven Dialog, der in die Breite geht. Das Verhandeln von Problemen im öffentlichen Raum muss alle gesellschaftlichen Kräfte einbeziehen – auf Basis des oben Gesagten.

Und viertens: Wir brauchen mehr Toleranz. Dem Gegenüber den Respekt entgegenbringen, den man selbst erwartet; Ambivalenzen zulassen und Gräben einebnen. Und innerhalb dieses Systems auch bereit sein, über heikle Fragen wie das „Toleranz-Paradoxon“ zu diskutieren: Wonach allzu große Toleranz es möglich macht, dass intolerante Kräfte die Oberhand gewinnen und die Toleranz einschränken oder gar abschaffen.

Kommentare (0)
Danke für Ihre Nachricht. Sie wird nach Freigabe angezeigt.