Städte – das größte Rohstofflager der Welt
Immer mehr Menschen zieht es in die Städte. Mit dem Wachstum der urbanen Räume wachsen auch die ökologischen Herausforderungen. Wer Städte wirklich nachhaltiger machen will, muss nicht nur klimaverträglich neu bauen, sondern neu denken, was mit dem Gebäudebestand passiert.
Bis 2050 wird zwei Drittel des globalen Bevölkerungswachstums in Städten stattfinden. Damit steigt auch der Druck auf Klima und Umwelt. Vor allem der steigende CO2-Ausstoß muss dringend gesenkt werden. Eine andere Herausforderung der Urbanisierung steht weniger im Fokus, ist aber ebenfalls zentral für eine nachhaltige Stadtentwicklung: Wie gehen wir mit den Millionen Tonnen an Bauschutt um, die jährlich anfallen, wenn Gebäude gebaut, renoviert oder abgerissen werden?
Bisher landet das meiste davon auf Deponien, darunter große Mengen an Dämmstoffen. Eine ökologische Sackgasse. Aber es geht auch anders. Denn in diesen Abfallströmen stecken wertvolle Rohstoffe, die sich zurückgewinnen und für neue Produkte nutzen lassen. „Urban Mining“ nennt sich das Konzept: der Gebäudebestand als Materiallager. Eine der wichtigsten Ideen in der Umwelt- und Klimadebatte, die noch viel zu wenig Aufmerksamkeit erhält.
Der „UN World Cities Day“ am 31. Oktober steht in diesem Jahr unter dem Motto „Die Stadt regenerieren: Angemessenes Wohnen für alle“ („Regenerating the City: Adequate Housing for All“). Für mich als jemand, der täglich mit Materialien für den Bausektor arbeitet, ist das mehr als ein politisches Schlagwort. Es ist eine konkrete Aufforderung: Wie bauen wir Städte um, ohne die Ressourcen zu verschwenden, die bereits verbaut sind?
Was Gebäude über Jahrzehnte speichern
Städte sind Kohlenstoffspeicher – im wörtlichen Sinne. Jedes Gebäude enthält gebundenen Kohlenstoff: in Stahl, Beton, Dämmstoffen und vielen anderen Materialien. Dieser sogenannte „Embodied Carbon“ ist für einen erheblichen Teil der globalen Bauemissionen verantwortlich. Und er entsteht, bevor die Materialien in Gebrauch sind, nämlich schon während ihrer Herstellung. Wer Klimaschutz im Bausektor ernst nimmt, kommt an diesem Thema nicht vorbei.
Das Gute: Hier gibt es echte Hebel. Einer davon ist, die Gebäudeteile mit Materialien zu produzieren, die so wenig Kohlenstoff enthalten wie möglich. Covestro bietet zum Beispiel MDI, einen zentralen Rohstoff für Polyurethan-Dämmschaum, in einer klimaneutralen Version an, die von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor keine Nettoemissionen verursacht. Für Gebäudedämmung, die ohnehin schon bis zu 70 Prozent des Energiebedarfs für Heizung und Kühlung einsparen kann, bedeutet das eine weitere Dimension: weniger Kohlenstoff nicht nur im Betrieb, sondern auch im Material selbst.
Vom Abfall zurück zum Rohstoff
Doch was passiert am Ende des Lebenszyklus? Hier liegt der blinde Fleck. Hartschäume aus Gebäudedämmung galten lange als praktisch nicht recycelbar, denn ihre chemische Struktur macht mechanisches Recycling weitgehend wirkungslos. Genau das wollen wir ändern.
Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT arbeitet Covestro an der Smart-Pyrolyse-Technologie, einem chemischen Recyclingverfahren, das Polyurethan-Hartschaumabfälle aus Gebäuden und Haushaltsgeräten auf molekularer Ebene aufspaltet und daraus hochreines Anilin zurückgewinnt. Dieses recycelte Anilin kann direkt zur Herstellung von neuem MDI eingesetzt werden, das dieselben Qualitätsstandards erfüllt wie solches aus konventioneller Produktion. Der CO₂-Fußabdruck sinkt dabei um bis zu 40 Prozent gegenüber fossilen Produktionswegen.
Eine Pilotanlage mit 2.000 Tonnen Jahreskapazität soll ab 2028 in Betrieb gehen. Das ist kein Labor mehr, das ist der Schritt in Richtung industriellen Maßstab. Und es ist, was „Urban Mining“ konkret bedeutet: Dämmmaterial aus einem abgerissenen Gebäude in Berlin wird zum Rohstoff für die Dämmung eines neuen Gebäudes in Madrid.
Regeneration braucht beides
Das UN-Motto ist richtig gewählt: Wir brauchen Regeneration und angemessenen Wohnraum für alle. Regeneration bedeutet nicht Neubau um jeden Preis. Es bedeutet, Materialkreisläufe zu schließen und Emissionen dort zu senken, wo sie entstehen – auch schon in der Produktion der Baustoffe.
Mehr als eine Milliarde Menschen lebt heute in informellen Siedlungen. Der Druck auf den Bausektor ist enorm. Materialien, die gleichzeitig hocheffizient dämmen, kohlenstoffarm hergestellt werden und am Lebensende recycelbar sind, sind kein Luxus. Sie sind eine Voraussetzung dafür, dass diese Transformation gelingt.
Städte regenerieren heißt: nicht wegwerfen, was noch Wert hat.