10
Februar
2026
|
14:47
Europe/Amsterdam

Resilienz ist die neue Effizienz

Zusammenfassung

In Zeiten von Instabilität, Machtpolitik und Normenerosion müssen Unternehmen den strategischen Kompass neu ausrichten. Resilienz, Sicherheit, Autonomie werden zunehmend zu neuen Stellgrößen. Aber Wirtschaften darf nicht in übermäßige Renationalisierung und komplette Abschottung münden.

Erst Davos, jetzt München: Auf das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Bergen folgt wie immer die Sicherheitskonferenz in der bayerischen Metropole. Aber es ist nicht bloß die zeitliche und räumliche Nähe, die beide Großevents verbindet. Sie stehen auch für eine veränderte Qualität in der Beziehung von Politik und Wirtschaft. 

In unserer Welt im Umbruch, geprägt von Instabilität, Machtpolitik und Normenerosion, erleben wir gerade neue Leitlogiken. Ich beobachte, dass die Außen- und Sicherheitspolitik zunehmend geoökonomischen Gesichtspunkten folgt, während in der Wirtschaft wiederum Geopolitik und Sicherheit immer größeren Stellenwert einnehmen. 

Politik wird geoökonomisch – Wirtschaft geopolitisch

Politisch zeigt sich eine andere Sicht auf die Globalisierungsidee und wirtschaftliche Integration – sie gelten jetzt zunehmend auch als potenzielle Gefahr für Unabhängigkeit und nationale Sicherheit. Infrastrukturen und Lieferketten werden als Mittel geostrategischer Einflussnahme genutzt, wie die Partnership for Global Infrastructure and Investment der G7-Staaten oder die Global Gateway-Initiative der EU als Antworten auf Chinas Belt and Road Initiative zeigen.

Handels- und Industriepolitik stellen sich als Fortsetzung der Sicherheitspolitik mit anderen Mitteln dar. Protektionismus mit Sanktionen, Exportkontrollen und Investitionsprüfungen ist anscheinend das New Normal.

Und die Wirtschaft? Hier hält in Zeiten, in denen Zölle und Finanzen zur geoökonomischen Waffe werden, ebenfalls ein neues Grundverständnis Einzug. Auch für mich heißt das: Umdenken, weg von vertrauten Mustern und Gegebenheiten. Stand in der langen Globalisierungsära mit ihren transnationalen Märkten und Institutionen das unternehmerische Handeln unter dem Primat der Effizienz, so tritt jetzt mit Resilienz eine strategische Stellgröße hinzu. 

Neue Paradigmen unternehmerischen Handelns

Sicherheit wird immer mehr zum Kosten- und Steuerungsfaktor in globalen Wertschöpfungsketten. Resilienz, Sicherheit, Autonomie: Unter diesem Zeichen müssen Unternehmen verstärkt ihre Beschaffungs- und Absatzmärkte ausrichten – durch Multi Sourcing, Regionalisierung, durch Re-, Near- oder Friend-Shoring. Und das sind auch die Maßstäbe, an denen sich Produktionsentscheidungen verstärkt zu orientieren haben: redundante Strukturen vorhalten, Standorte auf mehrere Länder verteilen, die Energie- und Rohstoffbasis breiter und nachhaltiger aufstellen.

Und nicht nur das. In die Unternehmenswelt spielen zunehmend Querschnittsrisiken hinein, die auch auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene greifbarer werden. Hybride Bedrohungen wie Cyber-Attacken, Sabotage und Desinformation, Umweltrisiken wie die planetare Dreifachkrise aus Klimawandel, Ressourcenschwund und Verschmutzung oder die Volatilität der globalen Finanz- und Devisenmärkte – all dies macht auch die Wirtschaft systemisch verwundbarer und verlangt nach strategischen Antworten. 

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Nach innen gilt es vor allem, Resilienz als Vorstands- und Governance-Thema zu verankern. Und nach außen kann die Bedeutung der Wirtschaft und insbesondere der Grundstoffindustrien für die Sicherheit und Resilienz von Ländern und Bündnissen wie der Europäischen Union nicht hoch genug veranschlagt werden. 

Chemie in systemrelevanter Funktion

Die Chemiebranche etwa spielt als Fundament nahezu aller Wertschöpfungsketten eine systemrelevante Rolle für Bereiche wie Energie, Mobilität, Gesundheit, Infrastruktur und Verteidigung. Und als Motor für Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft. Denn auch die grüne Transformation zahlt ja auf Resilienz, Sicherheit und Autonomie ein, was wir über den vielen Akutkonflikten nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Eine starke Industrie, die zu zukunftsfähigen Innovationen in der Lage ist und in der Heimat Investitionen nach sich zieht, muss eine bestimmende Größe für die Sicherung und den Ausbau nationaler Handlungsfähigkeit sein. Aber ich warne gleichzeitig vor einer übermäßigen Renationalisierung des Wirtschaftsgeschehens. Innovation, Investition und Wertschöpfung gedeihen nur durch Offenheit, Austausch und Kooperation. 

Folglich muss das internationale System zweigleisig weiterentwickelt werden. Dadurch, dass wir neue, regelbasierte Bündnisse mit jenen eingehen, die ähnliche Interessen und Sichtweisen haben. Und indem wir systemischen Widersachern selbstbewusst begegnen, aber die Türen offenhalten. Was wir brauchen, sind faire, robuste Märkte mit klaren Regeln – keine willkürlichen Mauern.

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