Mit vielen Bällen jonglieren
Unsere hochkomplexe Welt braucht einen neuen Kollaborationsansatz – nur mit einem Höchstmaß an Agilität, Flexibilität und Pragmatismus lässt sich Stagnation überwinden und Innovationskraft entfesseln.
Was für eine Koinzidenz der Gegensätze, möchten man meinen. Am einen Tag zieht ein neuer Präsident ins Weiße Haus in Washington, der weithin mit Abschottung und einer (transparenten) Politik der nationalen Prioritäten gleichgesetzt wird. Am Tag darauf beschwört das Weltwirtschaftsforum in Davos noch einmal den Geist von Offenheit und Kooperation.
Doch sollte das vermeintlich „liberale“ Lager nun nicht reflexartig selbst in Wagenburgmentalität und moralische Überlegenheit verfallen. Nationale Interessen und Egoismen haben schließlich stets auch den Hohepredigern von Multilateralismus und Globalisierung zugrunde gelegen. Nur dass deren eigene Interessen mitunter etwas vernebelt waren. Was insbesondere für Europa und Deutschland gilt. Insofern könnte der Antritt der Trump-Administration nun der Weckruf sein, diese Interessen endlich klarer zu definieren – und energischer zu verfolgen.
Sicherlich sollte sich Europa dabei im Spannungsfeld zwischen den USA, China und anderen wirtschaftlichen und politischen Gravitationszentren stärker auf seine Gemeinsamkeiten besinnen. Aber wir dürfen uns dabei eben nicht von Schwarz-Weiß-Denken leiten lassen. Ein zukunftsfähiger Kollaborationsansatz bedeutet, nach allen Seiten hin offen zu sein, mit vielen Bällen gleichzeitig zu jonglieren. Das ist meine wesentliche Ableitung aus dem aktuellen Global Cooperation Barometer, das jedes Jahr anlässlich des WEF erscheint.
Zukunftsfähige Kollaboration: Das bedeutet ein Höchstmaß an Agilität, Flexibilität und Pragmatismus in einer hochkomplexen, zunehmend unvorhersehbaren Welt, in der wie in einem Kaleidoskop immer wieder neue Konstellationen entstehen und neue Herausforderungen auftauchen. Eine Welt, die aber immer auch neue Chance bietet.
Wenn wir das beherzigen, lässt sich hoffentlich auch die Stagnation in der globalen Zusammenarbeit überwinden, die seit 2020 herrscht. Aktuell laufen wir Gefahr, dass der Fortschritt nicht Schritt hält mit den immensen Aufgaben, die es zu lösen gilt, und für die es eine starke und innovative Wirtschaft braucht. So zeichnet sich etwa bei der Entwicklung von Zukunftstechnologien eine Fragmentierung ab, die das Produktivitätswachstum gefährden könnte.
Das bereitet mir Sorgen, auch und besonders für Deutschland. Denn vor allem auf Innovation und Zusammenarbeit basiert unsere Konkurrenzfähigkeit. Doch hier befindet sich unser Land in einem Abwärtstrend: 2024 ist es im globalen Vergleich um weitere zwei Plätze zurückgefallen. So scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auch den Rang als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt verspielt haben werden.
Es muss also dringend auch hierzulande ein frischer Wind wehen. Die anstehende Bundestagswahl könnte die Chance dazu bieten. Nach innen hinein muss die Losung für alle demokratischen Parteien lauten, sich von Freund-Feind-Zuschreibungen zu verabschieden, Gemeinsamkeiten stärker herausstellen und Kooperationsfähigkeit zu beweisen. Nach außen sollten wir weiter einen Multilateralismus verfolgen, ohne uns zu sehr auf einzelne Partner festzulegen und Kooperation in ideologischen Kategorien zu verankern.
Auch wenn uns vieles nicht gefällt – an den Realitäten kommen wir nicht vorbei. Und Doomsday-Stimmung hilft auch nicht weiter.