Wie sich Materialkreisläufe bei Autos schließen lassen
Geschlossene Materialkreisläufe sind entscheidend, um unseren Planeten zu schonen. Materialien am Ende eines möglichst langen und nützlichen ersten Lebens wieder in solche Kreisläufe zurückzuführen, ist dafür essenziell. Kunststoffe sind hierfür besonders geeignet und spielen in vielen Industrien und Anwendungen eine wichtige Rolle, beispielsweise in der Automobilindustrie.
Laut dem Europäischen Bund der Recyclingindustrien besteht ein durchschnittliches Auto zu etwa 12-15 Prozent aus Kunststoffen, das entspricht rund 150 – 200 Kilogramm. Einige dieser Kunststoffe stammen von Covestro. Um hier den Kreis zu schließen, hat das Unternehmen daher mehrere Projekte für das sogenannte Car-to-Car-Kunststoffrecycling gestartet. Guido Naberfeld, Head of Sales and Market Development Mobility bei Covestro, fasst zusammen.
Lieber Guido, warum ist Covestro so interessiert an geschlossenen Kreisläufen in der Autobranche?
„Unser Hauptziel ist es, die technische und wirtschaftliche Machbarkeit eines geschlossenen Kreislaufs für Kunststoffe in der Automobilindustrie zu demonstrieren und damit die Branche nachhaltiger zu gestalten. Gemeinsam mit Partnern aus der gesamten Wertschöpfungskette - von Automobilherstellern bis hin zu Recyclingunternehmen - wollen wir Herausforderungen identifizieren und mögliche Lösungen erarbeiten. Daraus sollen Empfehlungen für politische Maßnahmen und Industriestandards in Bezug auf das Car-to-Car-Recycling entstehen."
Welche konkreten Kunststoffe und Anwendungen stehen dabei momentan im Fokus?
„Wir konzentrieren uns derzeit auf verschiedene Verfahren: Zum Beispiel gewinnen wir durch mechanisches Recycling von Autoscheinwerfern sogenanntes PCR Polycarbonat zurück, das steht für ‚Post Consumer Recycled', also nach Nutzung wiederaufbereitet. Das setzen wir in Polycarbonat und Polycarbonat Blends ein, welche wiederum strenge Automobilanforderungen erfüllen. Unsere Kunden stellen daraus dann neue Fahrzeugkomponenten her. Zudem - und das ist ein ganz neuer Ansatz - arbeiten wir mit Partnern am chemischen Recycling von Altreifen. Dabei gewinnen wir gewisse Ausgangsstoffe zurück, die wieder zu optisch hochwertigen Polycarbonaten für Scheinwerfer werden können."
Wie funktioniert das genau bei Autoscheinwerfern? Wie wird daraus wieder Neumaterial?
„Wenn wir beim Beispiel des mechanischen Recyclings bleiben, geht das wie folgt: Zunächst werden die alten Scheinwerfer von zu verschrottenden Autos abmontiert und die Teile wie Linse, Gehäuse oder Abdeckscheibe, die ganz oder überwiegend aus Polycarbonat (PC) bestehen, separiert. Diese Kunststoffteile werden dann an ein Recyclingunternehmen wie Ausell weitergeleitet, mit dem wir kürzlich unsere Zusammenarbeit erweitert haben.
Bei Ausell erfolgt dann die Aufbereitung des Polycarbonats. Dazu werden die Kunststoffkomponenten zunächst von etwaigen Beschichtungen befreit, gründlich gewaschen, per mechanischem Recycling zerkleinert und dann zu einem qualitativ hochwertigen Kunststoffgranulat verarbeitet. Dieses recycelte Material landet dann bei uns und wird in einem sogenannten Compoundierungs-Schritt mit Neumaterial so vermengt, dass es die Eigenschaften bekommt, die das Endprodukt haben soll. Typischerweise bieten wir Produkte mit 35 Prozent oder 50 Prozent recyceltem Anteil für die Automobilindustrie an.
Dieses ‚Compound' – also eine Sorte Polycarbonat-Granulat mit recyceltem Anteil – wird dann an Automobilzulieferer oder OEMs (Original Equipment Manufacturers) geliefert."
Warum ist Car-to-Car-Recycling derzeit in aller Munde? Könnten zu recycelnde Materialien nicht auch aus anderen Quellen stammen?
„Ein großer Vorteil des Car-to-Car-Recyclings liegt darin, dass wir auf eine relativ reine Quelle für das Kunststoffmaterial zugreifen können, da es direkt aus Altfahrzeugen stammt. Im Gegensatz zu gemischten Abfallströmen, die oft schwer zu recyceln sind, haben wir es hier mit einer klar definierten Kunststoffart zu tun, was den Prozess effizienter macht. Diese Kunststoffe werden so definitiv kein Abfall, der auf Deponien landet oder verbrannt wird. Sondern wir nutzen sie wieder als Rohstoff und reduzieren so gleichzeitig den Bedarf an neuen, fossilen Rohstoffen und verringern insgesamt die CO2-Emissionen, da weniger neue Kunststoffe produziert werden müssen.
Hinzu kommt, dass neue politische Verordnungen die Relevanz von Recyclingtechnologien weiter verstärken. Die neuen EU-Vorgaben sind ja echt ambitioniert: künftig soll ein Viertel der Kunststoffe in Neuwagen aus Recyclingmaterial bestehen, und davon wiederum 25 Prozent direkt aus Altfahrzeugen. Das zeigt schon, wie wichtig Car-to-Car-Recycling in der Zukunft sein wird.
Kooperationen wie die mit Neste und Borealis für das chemische Recycling von Altreifen oder die kürzlich erweiterte Zusammenarbeit mit Ausell für das mechanische Recycling von Autoscheinwerfern zeigen, dass wir als Covestro einen wichtigen Beitrag leisten können und wollen. Unser Ziel ist es, es Automobilherstellern zu ermöglichen, die neuen EU-Regulierungen zu erfüllen. Am Ende geht es darum, Kreisläufe zu schließen, den Verbrauch fossiler Rohstoffe sowie deren Kohlenstoff-Fußabdruck deutlich zu reduzieren – hierfür sind sowohl die richtigen politischen Rahmenbedingungen als auch innovative Materialien und Technologien wie unsere unverzichtbar."