Weniger Plastikmüll – nicht weniger Plastik
Die Staatenwelt will Plastik in der Umwelt eindämmen, ein längst überfälliger Schritt. Gerade läuft in Südkorea die entscheidende Verhandlungsrunde – jedoch mit völlig überzogenen Forderungen. Zeit für mehr Pragmatismus und Kompromissbereitschaft.
Artensterben in Cali, Klimawandel in Baku, Plastikmüll in Busan – beinahe im Wochentakt reihen sich derzeit rund um den Globus Gipfeltreffen aneinander, in denen zentrale Menschheitsfragen verhandelt werden. Doch die Ergebnisse stehen bislang eher im umgekehrten Verhältnis zur Schwere der Herausforderungen, wie ich finde. So konnte sich die Konferenz zur Biodiversität in Kolumbien nicht auf die Finanzierung des Artenschutzes einigen, obwohl gerade das nächste Massenaussterben nach dem Ende der Dinosaurier stattfindet. Dabei ist genetische Vielfalt nicht zuletzt zur Herstellung von Nahrung und Medikamenten unerlässlich.
Krasse Diskrepanzen auch auf dem Klimagipfel in Aserbaidschan. Hier gab es zwar höhere Finanzierungszusagen für ärmere Länder – die allerdings weit unter deren Forderungen blieben. Erst gar nicht in die wieder mit Mühe und Not erreichte Abschlusserklärung geschafft haben es neue Beschlüsse zur Abkehr von fossilen Brennstoffen und zur Senkung des Treibhausgasausstoßes. Und das in einem Jahr, in dem Emissionen und Erderwärmung wieder negative Rekorde erreichen. Ein Rückschlag, der mich am Sinn solcher Mammutveranstaltungen zweifeln lässt.
Nun richten sich die Augen und Hoffnungen auf die dritte große Konferenz, die am Montag in Südkorea begonnen hat. Dort ringt die Staatengemeinschaft um ein Abkommen, das der alarmierenden Verschmutzung der Umwelt durch Kunststoffe einen Riegel vorschieben soll. Auch dies ein Problem von höchster Dringlichkeit. Plastikmüll im Umfang von 22 Millionen Tonnen landet jedes Jahr in der Natur – säumt Straßen, blockiert Flüsse, verunstaltet Strände, treibt als gigantische Strudel auf den Weltmeeren, bedroht Tiere und landet in der Nahrungskette. Für die Zukunft droht noch größeres Ungemach: Ohne weitere Gegenmaßnahmen könnte sich die Müllmenge allein in den Ozeanen bis 2060 verdoppeln.
Gefahr durch übersteigerte Forderungen
Klar ist: Es besteht gigantischer Handlungsdruck. Das Problem muss endlich gelöst, das Übel an der Wurzel gepackt werden. Daher muss die jetzt anstehende fünfte und entscheidende Runde der Verhandlungen („INC-5“) ein Erfolg werden. Doch auch hier sind die Aussichten eher trüb. Denn in der Millionenmetropole Busan liegen diverse Forderungen auf dem Tisch, die für mich weit über das Ziel hinausschießen und den Verhandlungserfolg gefährden.
So sollen etwa Chemikalien, die man zur Kunststoffherstellung braucht, künftig nach ihrem abstrakten Gefahrenpotenzial anstatt nach konkreten Risiken beurteilt werden, denen Natur und Lebewesen unter realistischen Bedingungen ausgesetzt sein können. Ich finde, man muss die Kirche im Dorf lassen und die Kontrolle von Chemikalien dort, wo sie hingehört und hinreichend ausgeübt wird: in den nationalen Regulierungssystemen wie REACH in der EU oder TSCA in den USA, flankiert durch das 2023 ins Leben gerufene Global Framework for Chemicals.
Meine deutliche Warnung: Eine Auslistung von Chemikalien würde auf ein De-facto-Verbot für viele Kunststoffe hinauslaufen. Nötig ist aber weniger Plastikmüll – nicht weniger Plastik. Im Gegenteil, das Material wird dringend gebraucht. Ich weiß, es mag für viele paradox klingen – aber: Klimaschutz ist nicht ohne, sondern nur mit Kunststoffen möglich. Denn sie sind unverzichtbar, um die großen ressourcenintensiven Bereiche – Energie, Industrie, Landwirtschaft, Verkehr, Gebäude – nachhaltiger und klimaneutral zu machen. Plastik auszubremsen, hieße der Menschheit einen Bärendienst zu erweisen.
Kreislaufwirtschaft zum Leitprinzip machen
Natürlich ist die Chemie- und Kunststoffindustrie auch selbst Teil des Problems, werden doch gut sechs Prozent aller Treibhausgasemissionen von Chemikalien verursacht. Die Branche muss daher weg von fossilen Ressourcen. Das Ölzeitalter muss einer Ära erneuerbarer und recycelter Rohstoffe weichen. Kurz, die Kreislaufwirtschaft sollte zum neuen globalen Leitprinzip werden. Wir bei Covestro treten intensiv dafür ein und investieren viel in die Zirkularität. Denn sie ist der Schlüssel zur Bekämpfung des Klimawandels, zur Schonung der Ressourcen, zum Erhalt von Natur und Umwelt.
Daher gehört dieses bestechende Konzept überall auf den Tisch, in Busan bei den Verhandlungen über Plastikmüll ebenso wie bei den Folgekonferenzen von Cali und Baku für Biodiversität und Klimaschutz. Und noch etwas sollte beherzigt werden: Es ist höchste Zeit für mehr Pragmatismus und Kompromissbereitschaft auf allen Seiten. Nur so bekommen wir, was wir wirklich brauchen: ein globales Abkommen gegen Plastikverschmutzung, das Kunststoffen nicht ihre Daseinsberechtigung entzieht.