Unterhaken und einspringen
In Zeiten politischer Unsicherheit ist die Wirtschaft besonders gefordert, das Klima zu retten. Indem sie noch deutlicher macht, wie weit grüne Technologien inzwischen sind und warum es sich lohnt, hier zu investieren. Und indem sie noch intensiver zusammenarbeitet.
Zwei Hiobsbotschaften auf einen Schlag: 2024 dürfte das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden. Und Donald Trump will offenbar erneut aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen. Zwei Schlagzeilen vor der UN-Klimakonferenz in Baku, die für mich deutlich machen: Der Handlungsdruck, den Klimawandel in den Griff zu bekommen, wird immer größer – während die Aussichten, dies unter Regie der Politik zu schaffen, immer weiter abnehmen. Was sich allein daran zeigt, dass zentrale Akteure wie China, Indien, die EU und auch die USA der ausgehenden Biden-Ära nicht mit der höchsten Ebene auf der COP29 vertreten sind.
Dabei steht so viel auf dem Spiel. Vor allem muss das Thema Klima unbedingt oben auf der globalen Agenda bleiben, darf als Langzeitbedrohung weltweiten Ausmaßes nicht hinter den vielen akuten Krisen und der Tendenz zu Abschottung und nationalem Egoismus zurückstehen. Denn die zunehmenden Wetterextreme haben zunehmend krasse Folgen – nicht nur für Umwelt und Erdsystem, sondern auch für Gesellschaft und Wirtschaft.
So geraten etwa Lieferketten ins Stocken, wenn zum Beispiel durch Trockenheit Wasserstände absinken wie im Panamakanal, und der Migrationsdruck steigt, wenn beispielsweise durch Starkregen vor allem im globalen Süden der Ackerboden weiter erodiert.
Nun sind alle Gegenmaßnahmen natürlich mit immensen Kosten verbunden – das zentrale Thema des Gipfels in Aserbaidschan. Aber man muss Investitionen in den Klimaschutz zum einen als Vermeidungskosten ansehen; denn die Folgen unzureichenden Handelns schlagen sich in der Zukunft in noch viel höheren Rechnungen nieder. Zum anderen muss vor allem der Privatsektor – er wird in Zeiten knapper öffentlicher Etats zur Finanzierung immer wichtiger – überzeugt werden, mehr in den Klimaschutz zu investieren.
Innovation: Helfer fürs Klima
Und damit sind wir bei der Rolle der Wirtschaft. Die Industrie sollte in meinen Augen zweierlei sehr deutlich machen. Erstens: Die Technik ist im Kampf gegen Klimawandel, Ressourcenausbeutung und Umweltzerstörung auf unserer Seite. Es gibt hier immer mehr innovative und auch günstige Produkte, Verfahren und Lösungen – von ultraleichten Kunststoffen bis zu Hochleistungsbatterien, von der vertikalen Landwirtschaft bis zu Fleisch aus Pflanzen. Alles unterstützt durch die Power der Künstlichen Intelligenz und überhöht durch das Konzept der Kreislaufwirtschaft.
Und die zweite Botschaft an die Finanz-Community: Mit Klimaschutz lässt sich Geld verdienen. So sehen die Experten von Roland Berger laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr Greentech als attraktiven Wachstumsmarkt, dessen Volumen sich allein bis 2030 von fünf Billionen auf zwölf Billionen Euro weit mehr als verdoppeln könnte.
Was die Wirtschaft in diesem Bereich alles zu bieten hat, ist mir kürzlich noch einmal auf der ADIPEC in Abu Dhabi bewusst geworden, dem weltweit größten Event der Energiewirtschaft. Deutlich wurde damit aber auch: Die Wirtschaft kann und muss einspringen beim Klimaschutz, um die Lücke zu füllen, die die Politik hinterlässt. Und dafür müssen wir uns stärker unterhaken. Noch intensivere Zusammenarbeit ist das Gebot der Stunde, damit die Transformation nicht versandet, sondern ein Erfolg wird.
Chemie bündelt die Kräfte
Zum einen braucht es dafür mehr Kollaboration innerhalb der großen ressourcen- und klimaintensiven Industrien. Die Chemie – sie steht für 14 Prozent des weltweiten Erdölverbrauchs – geht hier voran. Etwa in Gestalt der Global Impact Coalition, einem Zusammenschluss der CEOs führender Branchenunternehmen. Ich vertrete Covestro in diesem Bündnis, das vor rund einem Jahr an den Start gegangen ist. Eines unsere Ziele: neue marktorientierte Partnerschaften zum Ausbau kohlenstoffarmer Technologie zu fördern.
Das geht aber am besten, wenn man über den eigenen Tellerrand hinausschaut und mehr branchenübergreifende Allianzen schmiedet. Denn ebenso wenig wie einzelne Länder schafft keiner der wesentlichen Bereiche, die den Klimawandel befeuern, die Transformation allein – weder die Energiewirtschaft als größter Treibhausgas-Emittent noch die Industrie, die Landwirtschaft, der Verkehr und der Gebäudesektor.
Wir bei Covestro leben diesen Gedanken der Kollaboration. Und wir freuen uns über die Win-Win-Situationen, die sich etwa durch langfristige direkte Lieferverträge mit Ökoenergie-Anbietern ergeben, durch bahnbrechende Recycling-Kooperationen mit der Autoindustrie oder durch gemeinsame Forschungsprojekte mit der Abfallwirtschaft.
Verbreiten wir als Wirtschaft also Hoffnung, machen wir Appetit auf Fossilfrei, zeigen wir, was alles geht – und sich lohnt. Denn auch fürs Klima gilt (um den Bogen zu den USA in der Aufbruchs-Ära der 90er Jahre zu schlagen): It’s the economy, stupid.