Digitale Visitenkarte für die Kreislaufwirtschaft
Nur noch 6,9 Prozent aller genutzten Ressourcen werden wiederverwertet – ein weiterer alarmierender Rückgang. Doch die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten für die Kreislaufwirtschaft – etwa mit digitalen Produktpässen. Die Chemieindustrie geht hier voran.
Über 100 Milliarden Tonnen – so viele Materialien zieht die Menschheit in einem Jahr aus der Erde. Für die Häuser, die wir errichten, und die Nahrung, die wir anbauen. Für die Kleidung, die wir nähen, die Autos, die wir fahren, und unzählige andere Aktivitäten. Seit den 1970er Jahren hat sich der globale Ressourcenverbrauch mehr als verdreifacht. Und wenn nicht gegengesteuert wird, könnte er bis 2060 noch einmal um 60 Prozent steigen im Vergleich zu 2020. Doch der Planet blutet nicht nur immer mehr aus und heizt sich immer weiter auf, er erstickt auch im Müll: Ein Drittel aller Siedlungsabfälle wird unzureichend entsorgt.
Umweltverschmutzung, Ressourcenausbeutung, Klimawandel – um diese Dreifachkrise in den Griff zu bekommen, müsste die Welt dringend voll auf die Kreislaufwirtschaft umschwenken und vor allem mehr recyceln. Doch das Gegenteil ist der Fall. Von den verwendeten Ressourcen wird immer weniger wiederverwertet – aktuell liegt die globale Kreislaufrate nur noch bei 6,9 Prozent, wie der Circularity Gap Report 2025 zeigt. Zum Vergleich: 2023 betrug die Quote noch 7,2 Prozent, während sie 2018 sogar einmal bei 9,1 Prozent lag.
Die Kreislaufwirtschaft ist also tendenziell rückläufig und muss noch viel stärker vorangetrieben werden als bisher. Und hierfür gibt es durchaus Lichtblicke. Den digitalen Produktpass etwa, der ab 2027 in der Europäischen Union eingeführt werden soll. So etwas wie eine individuelle Visitenkarte aus Bits und Bytes, die Informationen über Herkunft, Zusammensetzung, Nachhaltigkeit und Umweltbelastung von Gütern enthält.
Damit kann jedes Produkt über den gesamten Lebenszyklus hinweg nachverfolgt werden, was der Zirkularität enormen Auftrieb verleihen könnte. Das neue System wird in der EU schrittweise für unterschiedliche Branchen eingeführt. Den Anfang machen Batterien, für die der virtuelle Pass bereits ab 2027 verpflichtend wird.
Datenökosystem für die Chemie
Doch das Thema bietet auch der Chemiebranche große Möglichkeiten. Als Grundstoffindustrie mit hohem Ressourcenverbrauch und erheblichem Ausstoß an Treibhausgasen hat sie nicht nur die Verantwortung, sondern auch die Innovationskraft, neue Wege im Recycling und in der Kreislaufführung von Materialien zu entwickeln.
Und die Branche hat die Möglichkeiten der Digitalisierung auch bereits im Visier. So arbeitet eine Reihe von Unternehmen, darunter Covestro, im Rahmen des Projekts Chem-X an einem standardisierbaren digitalen Produktpass für die Chemieindustrie. Das Ziel der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geförderten Initiative: ein interoperables Datenökosystem, das nicht nur den Austausch von Produkt- und Verwertungsinformationen innerhalb der Branche, sondern auch horizontal mit anderen Abnehmerindustrien inklusive der Recyclingbranche erlaubt.
Dieses System soll eine offene und transparente Kommunikation fördern, die sowohl gesetzlich verpflichtende als auch kommerzielle Prozesse unterstützt. Kernstück ist die Entwicklung von Open-Source-Datenmodellen, die als Grundlage für den Datenaustausch dienen und den Anforderungen der digitalen Produktpässe europäisch, aber auch global gerecht werden.
Die Branche erhofft sich davon einen gehörigen Push. Denn die Kreislaufwirtschaft ist auch in der Chemie noch nicht da, wo sie sein müsste. So werden etwa weltweit erst neun Prozent der jährlich produzierten Kunststoffe recycelt. Gleichzeitig werden 22 Prozent des Plastikmülls unsachgemäß entsorgt.
Chancen der Kreislaufwirtschaft nutzen
Der Wandel zur Kreislaufwirtschaft ist aber nicht nur aus Umweltgründen dringend geboten. Er bietet auch enorme Chancen. Studien zufolge könnte dadurch in Europa bis 2030 das Bruttoinlandsprodukt spürbar steigen, während Hundertausende neue Arbeitsplätze entstünden. Für die Chemie- und Kunststoffindustrie bedeutet Zirkularität insbesondere neue Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsmöglichkeiten durch innovative Recyclingtechnologien und nachhaltige Produktlösungen.
Der Weg zur Kreislaufwirtschaft mag herausfordernd sein, aber er ist alternativlos. Und mit innovativen digitalen Lösungen hat die Chemiebranche wichtige Werkzeuge in der Hand, um ihn erfolgreich zu gestalten. Die Zeit zum Handeln ist jetzt. Damit der nächste Circularity Gap Report endlich wieder besser ausfällt.