Riffe restaurieren und mit nachhaltigen Geschäftsideen hohe Wellen schlagen

Gator Halpern hat das Meer schon immer geliebt. Als Jugendlicher im pulsierenden San Diego konnte Gator jederzeit in seine persönliche Komfortzone tief unter den Wellen eintauchen – in das ruhige, zeitlupenhafte Reich des größten Aquariums der Welt. Heute, ein Jahrzehnt später, hat er aus seiner Liebe zum Ozean ein blühendes Unternehmen aufgebaut, das sich dafür einsetzt, sterbende Korallenriffe in der Karibik zu restaurieren. Mit nur 27 Jahren schlägt er im Nachhaltigkeitssektor bereits hohe Wellen.

Die Restauration von Korallen – also die Integration gesunder Korallen in sterbende Riffe – fand bisher nur im kleinen Maßstab und vorrangig mithilfe von gemeinnützigen Organisationen und Forschungsinstituten statt. Doch vor Kurzem eröffnete Gators Firma Coral Vita auf den Bahamas die weltweit erste kommerzielle Korallenfarm an Land. Und dieses Vorbild in Sachen Restauration von Korallen könnte weltweite Strahlkraft besitzen. „Schätzungen zufolge werden 90 % der weltweiten Korallenriffe bis 2050 absterben. In dieser Krisensituation spielen hochtechnisierte Lösungen eine entscheidende Rolle“, so Gator.

Für seine innovativen Lösungen zur Restauration von Korallen erhielt Gator 2018 den „Young Champions of the Earth“-Preis der Vereinten Nationen. Diese Auszeichnung wird von uns gefördert und soll junge Menschen unterstützen, ihre großen Ideen zum Schutz oder zur Wiederherstellung unserer Umwelt umsetzen zu können.

Im Rahmen unserer Interviewreihe „Keiner kann sich außerhalb der Komfortzone wohlfühlen. Warum nicht?“ sprach Baratunde Thurston mit Gator, um zu erfahren, wie Coral Vita die Komfortzone der Korallen erweitert, die Komfortzonen der Küstenanrainer schützt und so Nachhaltigkeit mit Profit in Einklang bringt, um schlussendlich die wertvollste Komfortzone überhaupt zu bewahren: unseren Planeten.

„Je besser es uns gelingt, mit unseren Ökosystemen zu arbeiten und sie auf die künftigen Bedingungen vorzubereiten, umso komfortabler werden auch wir es haben.“

Die Komfortzone der Korallen erweitern

Egal ob als Gründer einer Initiative für Umweltschutz oder Mitwirkender in verschiedenen Projekten für nachhaltige Entwicklung – Gator hat sich schon von seiner Highschool-Zeit an stark für ein harmonisches Miteinander zwischen Mensch und Natur engagiert. Doch die Idee für ein Unternehmen, das sich auf die Restauration von Korallen spezialisiert, entstand erst, als er Sam Teicher an der Yale School of Forestry & Environmental Studies kennenlernte. Beide absolvierten dort ihr Master-Studium und gründeten dann 2015, angetrieben durch ihre gemeinsame Liebe zum Meer, Coral Vita.

Heute bietet das Unternehmen den sterbenden Riffen unseres Planeten lebensrettende Behandlungen mithilfe eines Verfahrens an, das als „assistierte Evolution“ bezeichnet wird. Dabei werden Korallen an Land gezüchtet, dort widerstandsfähiger gegenüber den Bedingungen gemacht, die ihre Existenz bedrohen, und dann zurück ins Meer gesetzt. Im ersten Teil unseres Interviews sprechen wir mit Gator über seine eigene Komfortzone, die gefährdete Komfortzone der Korallen und darüber, wie wichtig es ist, unsere Ökosysteme zu bewahren, um dadurch eine komfortablere Zukunft für uns alle zu ermöglichen.

Sprechen wir zuerst einmal über Ihre eigenen Erfahrungen mit Komfortzonen.

Ich hatte das große Glück, an einem Ort aufwachsen zu dürfen, der mir ein relativ komfortables Leben bescherte. Ich hatte alles, was ich zum Leben brauchte. So konnte ich mir ohne Druck überlegen, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, statt das zu tun, wozu ich gezwungen war. Letztlich habe ich mich dafür entschieden, meine komfortable Position zu nutzen, um mich für den Klimaschutz zu engagieren und die Welt so hoffentlich zu einem besseren Ort für alle zu machen.

Und zu „allen“ scheinen für Sie auch die Korallen zu gehören, denn angesichts des Anstiegs der Meerestemperatur sind die Bedingungen für Korallen inzwischen alles andere als komfortabel.

Den Korallen könnte es kaum schlechter gehen. Überall auf der Welt steigt die Meerestemperatur viel zu schnell an. Wenn das Wasser zu warm ist, stoßen die Korallen ihre Algen ab und werden weiß. Dieser Prozess wird als Korallenbleiche bezeichnet. Wenn diese Bleiche über einen längeren Zeitraum anhält, stirbt die Koralle letztendlich ab. In unseren Korallenfarmen an Land versuchen wir, die Komfortzone der Korallen zu erweitern. Wir bringen den Korallen bei, sich auch bei höheren Wassertemperaturen wohl zu fühlen und zu überleben.

Also eine Art Boot Camp für Korallen. Sie sind im Grunde ein Überlebenstrainer.

Ja, wir machen die Korallen fit für das Meer, das ihr Überleben bedroht. Wenn wir die Korallen zurück ins Meer setzen, wissen wir, dass sie dann viel besser für den El Niño des Jahres 2050 oder 2100 gewappnet sein werden.

Das klingt, als wäre Ihre Arbeit mit den Korallen eine gute Metapher für das, was die gesamte Menschheit tun müsste: sich für die Zukunft wappnen. Uns stehen schließlich auch enorme Herausforderungen in Sachen Umwelt bevor.

In unserer Generation und den kommenden Generationen muss sich vieles verändern. Wir müssen uns an neue Gegebenheiten anpassen. Je besser es uns gelingt, mit unseren Ökosystemen zu arbeiten und sie auf die künftigen Bedingungen vorzubereiten, umso komfortabler werden auch wir es haben. Ob wir ein komfortables Leben führen können, hängt komplett von unserer Umwelt ab.

Sehen Sie irgendwelche Veränderungen in den Köpfen der Menschen, was diese Abhängigkeit anbelangt? Verstehen wir, dass wir für all das, was wir für selbstverständlich halten, die Umwelt brauchen?

Ich bin kein Freund der Formulierung: „Wir brauchen die Umwelt.“ Ich würde eher sagen: „Wir sind Teil der Umwelt.“ Die Menschheit ist nur ein ganz kleiner Teil dessen, was den Gesamtorganismus Erde ausmacht. Wenn wir in unserer Umwelt ein komfortables Leben führen wollen, müssen wir die Umwelt respektieren und versuchen, uns um sie zu kümmern. Langsam aber sicher beginnen die Menschen, das zu begreifen.

„Der ‚Young Champions of the Earth‘-Preis bietet uns eine fantastische Plattform, um unsere Tätigkeit von den Bahamas auf den Rest der Welt auszuweiten.“

Die Komfortzonen der Küstenanrainer schützen

Korallenriffe sind eines der wichtigsten Ökosysteme der Erde. Und: Sie bescheren nicht nur dem globalen Tourismus jedes Jahr Einnahmen von mehr als 30 Milliarden Dollar, sondern liefern Hunderten Millionen von Menschen weltweit Nahrung. Angesichts des alarmierend schnellen Verschwindens der Korallen droht vielen Küstenregionen eine wirtschaftliche Katastrophe. Durch den Betrieb der Korallenfarmen an Land umgeht Coral Vita einige der Kernprobleme der traditionellen Farmen im Meer und bietet so eine tragfähige, skalierbare Lösung für die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die die Korallenbleiche mit sich bringt.

Nach seiner Auszeichnung als Young Champion of the Earth durch die UN und Covestro plant Gator nun, mit Coral Vita weiter zu expandieren und Korallenriffe rund um den Globus zu stärken. Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt uns Gator, was für ein Gefühl es war, zum Young Champion of the Earth ernannt zu werden, wie seine Vision für die Zukunft aussieht und wie er über die Erfolge im Bereich nachhaltige Entwicklung denkt, die Coral Vita bereits erzielt hat.

Ich fühle mich geehrt, hier neben einem Young Champion of the Earth sitzen zu dürfen. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Titel! Gab es dazu auch gleich noch einen Superman-Umhang?

Einen Umhang habe ich bisher nicht bekommen, aber vielleicht ist er ja noch in der Post.

Was war es für ein Gefühl, in diese Gemeinschaft von Personen aufgenommen zu werden, die in gewisser Weise buchstäblich die Welt retten?

Ich fühle mich sehr geehrt – Young Champion of the Earth, was für ein Titel! Ich hoffe, eines Tages ein „Old Champion“ zu sein, der auf die erfolgreiche Arbeit zurückblicken kann, die er geleistet hat. Heute blicke ich in die Zukunft und sehe vor allem die ganze Arbeit, die noch vor mir liegt.

„In die Zukunft blicken“ ist ein gutes Stichwort: Verstehen Sie diesen Preis als eine Anerkennung von dem, was Sie bereits geleistet haben, oder eher von dem, was noch von Ihnen erwartet wird?

Ein bisschen von beidem. Ich denke, diese Auszeichnung zeigt, dass Coral Vita das Potenzial hat, im Ökosystem der Erde wirklich etwas zu bewirken. Außerdem bietet uns der Preis auch eine fantastische Plattform, um unsere Tätigkeit von den Bahamas aus auf den Rest der Welt auszuweiten. Durch ihn haben wir die Gelegenheit, uns mit verschiedenen Regierungen, Organisationen und Unternehmen zu vernetzen, die uns dabei helfen können, die derzeitige Arbeitsweise von Korallenfarmen zu verbessern und neue Technologien zu entwickeln. Mithilfe von Partnerschaften und Innovationen können wir dafür sorgen, dass uns die Korallenriffe noch viele Jahre erhalten bleiben.

Mit Coral Vita tragen Sie dazu bei, die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Was halten Sie von diesen Zielen? Welche Auswirkungen haben sie auf Ihre Arbeit?

Die UN-Nachhaltigkeitsziele bieten Menschen rund um den Globus die großartige Chance, sich von nun an gemeinsam für eine bessere Zukunft zu engagieren. Wir bei Coral Vita unterstützen viele dieser Ziele. „Maßnahmen zum Klimaschutz“ und „Leben unter Wasser“ sind natürlich zwei logische Ziele, für die wir uns einsetzen, aber es gibt auch noch andere, die nicht so augenscheinlich sind. Fischerdörfer sind zum Beispiel auf gesunde Riffe angewiesen, um ihre Nahrungsgrundlage und ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das bedeutet, dass die Restauration der Korallen dazu beitragen kann, Armut und Hunger zu bekämpfen. Außerdem sorgen Korallenriffe für einen natürlichen Küstenschutz. Ihre Restauration hilft also dabei, nachhaltige Gemeinden aufzubauen. Insgesamt bescheren Korallenriffe den Küstenanrainern jedes Jahr Tourismus-Einnahmen von mehr als 30 Milliarden Dollar. Von diesen 30 Milliarden Dollar stammt ein Teil aus dem direkten Riff-Tourismus, zum Beispiel durch Tauchen und Schnorcheln. Andere Einnahmen stammen aus dem indirekten Riff-Tourismus. Dazu zählt alles vom Baden an wunderschönen Stränden bis hin zum Essen lokaler Meeresfrüchte. Ohne den schützenden Effekt der Riffe wäre all das nicht möglich.

„Der Klimawandel passiert so schnell. Um eine nachhaltigere Wirtschaft aufzubauen, sind wir dringend auf die Stärke der Wirtschaft und der Technik angewiesen.“

Die wertvollste Komfortzone überhaupt bewahren

Angesichts der Tatsache, dass Korallenriffe doppelt so schnell verschwinden wie der Regenwald, ist für Gator klar, dass die Restauration der Korallen in Form eines gewinnorientierten Unternehmens angegangen werden muss. Aktuell erwirtschaftet Coral Vita seine Einnahmen in zwei Bereichen. Zum einen betreibt es die Korallenfarm auf Grand Bahama, die als Touristenattraktion angelegt ist. Gegen einen Obolus können Besucher hier auch eine Korallenpatenschaft übernehmen. Zum anderen erhält das Unternehmen Mittel von Ferienresorts und Unternehmen, die in der Nähe von Korallenriffen liegen und von ihrem Schutz profitieren.

Im letzten Teil unseres Interviews erklärt uns Gator, warum Nachhaltigkeit mit dem Streben nach Gewinn in Einklang gebracht werden muss, um die Riffe zu retten, die Wirtschaft zu unterstützen und unseren Planeten zu bewahren.

Coral Vita ist ein gewinnorientiertes Unternehmen – keine NGO, keine Wohltätigkeitsorganisation und kein Spendensammelverein. Aber Sie verfolgen durchaus wohltätige Ziele. Warum haben Sie Ihr Projekt in Form eines Unternehmens aufgezogen?

Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, die Restauration der Korallenriffe zu einem Geschäftsmodell zu machen. Wir sehen, dass 50 % weltweit bereits abgestorben sind. Und wir schätzen, dass es bis 2050 mehr als 90 % sein werden.

Wow...

Das Absterben der Riffe ist ein riesiges globales Problem. Um hier wirklich etwas zu bewirken und die Korallenriffe der Erde für die kommenden Generationen zu erhalten, muss die Restauration der Riffe zu einem Wirtschaftszweig werden. Wir brauchen Stakeholder, die in ihre Restauration investieren – und es gibt kaum etwas Wertvolleres, in das sie investieren könnten. Der wirtschaftliche Nutzen, den diese Riffe generieren, ist enorm.

Sprechen wir doch mal über diesen Nutzen. Wer sind Ihre Kunden und was bieten Sie an?

Wir bieten die Restauration von Riffen an, und unsere Kunden sind alle, die von einem gesunden Riff profitieren. Im kleineren Maßstab sind das zum Beispiel Ferienresorts, Hotels, Immobilienentwickler oder Kreuzfahrtgesellschaften. Im größeren Maßstab könnten es Regierungen, internationale Entwicklungsagenturen, Großkonzerne oder die Versicherungsbranche sein, die vom Küstenschutz durch die Riffe profitiert.

Weil die Riffe bei Stürmen große Wellen abfangen?

Genau. Die Riffe sind ein natürlicher Wellenbrecher. Der beste Wellenbrecher, der jemals auf der Erde erbaut wurde, besteht aus Korallen. Bei Sturmfluten und Wirbelstürmen brechen die Wellen an den Korallen und nicht an Land. Doch wenn das Korallenriff abstirbt, erodieren diese Wellen die Küste und zerstören Gemeinden.

Das klingt, als könnten Sie mit Ihrem Geschäft auch wunderbar als Mafioso arbeiten. [Lacht] Sie könnten einfach auf den Entwickler eines Resorts an der Küste zugehen und sagen: „Sie haben hier aber ein hübsches Resort. Es wäre doch eine Schande, wenn ihm etwas zustoßen würde.“
[Lacht] Tja, leider bekommen die Gemeinden die Konsequenzen schon heute zu spüren. Auf Grand Bahama – der Insel, auf der wir arbeiten – hat das größte Resort und Kasino wegen Wirbelsturmschäden bereits geschlossen. Außerdem musste die Regierung am Strand einen riesigen Wellenbrecher bauen, weil eine Straße durch die Erosion weggespült wurde. Diese Schäden lassen sich teilweise auf die Zerstörung der Riffe vor der Küste zurückführen.

Wie stehen Sie zu dem Konzept des Gleichgewichts zwischen geschäftlichem Wachstum und positiver Umweltbilanz? Es scheint erreichbar zu sein, aber auch Fälle zu geben, in denen es das nicht ist?

Geschäftliche Interessen gehen oft zulasten der Umwelt, aber ich denke, letztlich ist das für beide Bereiche von Nachteil. Wenn Unternehmen die ökologischen Auswirkungen ihrer Arbeit ignorieren, wird ihre Tätigkeit in unserer zerstörten Umwelt künftig generell weniger rentabel und auch schwieriger sein. Der Klimawandel passiert so schnell. Um eine nachhaltigere Wirtschaft aufzubauen, sind wir dringend auf die Stärke der Wirtschaft und der Technik angewiesen. Wir müssen uns nur bewusst dafür entscheiden, diese Stärke positiv zu nutzen.

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